Vietnam bleibt unsere Sache

Festrede zum 25. Geburtstag der Freundschaftsgesellschaft

Von Günter Giesenfeld

"Vietnam bleibt unsere Sache" - ein Slogan, den ich mir schlecht ohne Ausrufezeichen am Ende vorstellen kann, er hat etwas Trotziges an sich, und das gefällt mir an ihm, obwohl er mir dann auch wieder, gemessen am heutigen Zeitgeist, reichlich hausbacken vorkommt.

Wenn die Freundschaftsgesellschaft das Geld und den Willen hätte, einem professionellen PR-Spezialisten die Gestaltung ihres äußeren Erscheinungsbildes zu übertragen, würde der sicher von der Weiterverwendung des Schlagworts dringend abraten.

"Hausbacken", das kann sich auf zweierlei beziehen: Entweder ist damit ein wirklicher Anachronismus gemeint, eine veraltete und überholte Denkweise oder Perspektive, oder es haben sich nur die Koordinaten verändert, d.h. das geistige, politische und kulturelle Umfeld hat sich derart gewandelt, die Maßstäbe für die Richtigkeit solcher politischer Aktivitäten haben sich so sehr verschoben, daß sie nicht mehr "zeitgemäß" sind.

Und da gibt es wieder zwei Möglichkeiten: Entweder man hält die erwähnten Veränderungen der politischen Stimmungslage für richtig und angemessen, dann hat das Festhalten am Alten tatsächlich wenig Berechtigung. Oder aber man empfindet – und ich verhehle nicht, daß dies meine Position ist – diese Veränderungen des Zeitgeistes als eher negativ, als einen "Fortschritt" in die falsche Richtung. Dann ist die Verteidigung des aus dieser Sicht nach wie vor Richtigen sinnvoll und notwendig.

Daß dies so ist, läßt sich relativ leicht einsichtig machen, wenn man sich darauf einläßt, geschichtliche Fakten zur Kenntnis zu nehmen und darüber nachzudenken. Um dies hier in angemessener Kürze und nicht allzu trocken zu tun, möchte ich zwei öffentliche Kontroversen aus Frankreich und den USA aufgreifen. Anscheinend wird solche geschichtliche Erinnerungs-Arbeit anderswo ernster genommen als hierzulande.

Das erste Beispiel: Im Februar 1992 wurde von der französischen Presse aufgedeckt, daß der geachtete, wenn auch kritische Historiker und Vietnamspezialist Georges Boudarel im Jahre 1953 in einem vietnamesischen Gefangenenlager, in dem französische Soldaten interniert waren, als Leiter von politischen Kursen im Auftrag des Vietminh gearbeitet hatte, also aktiv an der "Umerziehung" seiner Landsleute beteiligt war.

Es ging ein Sturm der Entrüstung durch die rechte bis hin zur liberalen Presse. Alle diese Artikel und Kommentare nahmen Partei für die "alten Indochinakämpfer", und warfen dem Ertappten vor, sich "wie ein Schaf" den Wünschen seiner politischen Freunde (der Kommunisten) unterworfen zu haben. Dabei hätten diese Journalisten wissen können, daß eben derselbe Boudarel durch ein kurz zuvor (1991) veröffentlichtes Buch mit dem Titel Cent fleurs ecloses dans la nuit den Zorn vietnamesischer Parteifunktionäre auf sich gezogen hatte.

Die Kampagne wurde so heftig geführt, daß nachdenkliche Beobachter wie François Léotard von einer "Lynchjustiz durch die Medien" sprachen. Niemand machte sich die Mühe, auch nur ansatzweise das historische Umfeld des Ereignisses im Camp 113 zu erkunden, etwa zu bedenken, daß der Vietminh keineswegs eine "kommunistische" Organisation war. Oder, daß die damalige französische Kriegspolitik zur gewaltsamen Rückeroberung der Kolonien in Indochina sich z.B. geweigert hatte, die Vietnamesen als kriegsführende Partei anzuerkennen, wodurch die französischen Gefangenen unter die Bestimmungen der Genfer Konvention gefallen wären.

In diesem "schmutzigen Krieg" hatte sich Boudarel nicht nur theoretisch, sondern auch praktisch auf die andere Seite geschlagen, die heute in jeder Hinsicht, nach allen historischen Erkenntnissen und moralischen Maßstäben als die richtige zu gelten hat. Und genau diese, bei neutraler Würdigung aus allen Fakten sich aufdrängende Erkenntnis sollte durch die lärmenden Anwürfe wohl verhindert werden.

Die Affäre wurde damals und wird heute als ein wichtiges Anzeichen betrachtet für eine Wende in der französischen öffentlichen Meinung, in der die Kolonialkriege mehr und mehr in den Rang nationaler Heldentaten gerückt werden wollen. Jean Chesneaux, hervorragender Indochinafachmann wie Boudarel und nicht immer mit ihm einer Meinung, schreibt dazu: "Wirft dieser unbedingte Wille zur Identifikation mit einem überkommenen Kolonialismus, der mit diese Affäre plötzlich hochgespült worden ist, nicht ein bezeichnendes Licht auf bestimmte Wurzeln einer Bewegung gegen den ‚Tiers-mondisme‘ (nicht übersetzbar, etwa: Internationale Solidarität) die anscheinend sehr zeitgemäß ist".

Die solidarische Hinwendung zum "Süden" (der früheren "Dritten Welt") wird als naiv oder sentimental denunziert, als "masochistisches und selbstmörderisches Schuldgefühl" psychologisiert, oder mindestens kurzerhand für nostalgisch und anachronistisch erklärt. Die Begründung dafür ist ebenso simpel wie zynisch: Wenn man jetzt sehe, wie der Süden immer mehr in Not und Chaos versinkt, dann sei das doch der Beweis dafür, daß seine "Sache" von Anfang an falsch war, daß die Befreiungskriege ungerechtfertigt waren, daß die Befreiungsbewegungen aus einem "prinzipiellen Irrtum" heraus gekämpft hätten und daß natürlich die Internationale Solidarität nicht nur ein historischer Irrtum gewesen sei, sondern auch ein Verrat an den Werten, die sich jetzt als siegreich herausgestellt hätten.

Ich brauche nicht zu erwähnen, daß der Zusammenbruch der sozialistischen Staaten zur ideologischen Legitimation solcher Positionen beigetragen hat. Auch in diesem Zusammenhang hat sich ein scheinbar "realistisches" Denken durchgesetzt, dem zufolge dieses Ereignis, das zuallererst ein Sieg in einem vom Westen gnadenlos geführten Wirtschaftskrieg war, zugleich ein moralisches Urteil der Geschichte darstellt. Dieses historische Verdikt habe alle mit den gescheiterten sozialistischen Versuchen verbundenen Ideen, Ideal und Utopien zugleich ein für alle Mal für illegitim erklärt.

Als Leitbegriff für dieses neue, jegliche Vorstellung von der Vielschichtigkeit historischer Abläufe plattwalzende Lagerdenken hat sich das Wort "Menschenrechte" etabliert. Im dogmatischen Zwang dieses Begriffs ist – im Falle Boudarel – das Recht der französischen Gefangenen auf Unwissenheit wie selbstverständlich höher zu bewerten als das Recht der Völker auf Selbstbestimmung. Die Menschenrechte sind, wie es Chesnaux ausdrückt, zu einem "ideologischen Wallfahrtsort" (sanctuaire) geworden, "dessen Simplizität einen gesicherten Zufluchtsort bietet, weit weg von der Komplexität der politischen Auseinandersetzungen der Vergangenheit wie der Gegenwart".

Damit soll nicht gesagt werden, daß es nicht auch im antikolonialistischen Widerstand Lagerdenken gegeben hätte. Wir selber haben in den großen Zeiten der Solidaritätsbewegung nicht immer und bei jeder Gelegenheit diese Ausgewogenheit, oder besser Abgewogenheit an den Tag gelegt, die wir jetzt so schmerzlich vermissen. Wir haben (angesichts etwa der Entwicklung der Roten Khmer von einer Befreiungsbewegung zum massakrierenden Terrorregime) erfahren, daß sich zu engagieren, auch heißt, etwas zu riskieren und dafür teuer zu bezahlen. Aber die Frage in der gegenwärtigen Situation lautet, ob man überhaupt noch über solche schmerzlichen Erfahrungen sprechen kann, ohne dafür gleich inquisitorisch zur Rechenschaft gezogen zu werden – in einer Öffentlichkeit, die vom glanzpolierten Konsensdruck beherrscht ist und vom entpolitisierten Leistungsdenken, in der Argumente nicht mehr nach ihrer Glaubwürdigkeit, sondern nach ihrem Marktwert oder ihrer Eignung zum politischen Totschlag-Knüppel beurteilt werden.

Das zweite Beispiel ist das 1994 in San Francisco erschienene Buch von Walden Bello: Dark Victory. Es bietet eine kritische Bestandsaufnahme der US-amerikanischen Politik der 3. Welt und dann dem Süden gegenüber, die zu dem Schluß kommt, daß sich die Regierungen des Westens seit Mitte der 80er Jahre "das politische Ziel gesetzt hatten, die Länder des Südens in den ökonomischen Bankrott zu treiben, als Rache dafür, daß sie in den 70er Jahren ihre Ansprüche auf Souveränität und Unabhängigkeit durch die Befreiungsbewegungen artikuliert haben."

Der Autor präzisiert dies historisch: In der Zeit des Kampfs gegen den Kommunismus sei es noch unerwünscht gewesen, das Risiko von sozialen Explosionen in der Dritten Welt einzugehen, weswegen man den Kampf gegen den Hunger bis zu einem gewissen Grad unterstützt habe durch die Gewährung von Krediten und wirtschaftlichen Begünstigungsklauseln. Aber mit dem Amtsantritt von Ronald Reagan sei die Dritte Welt nicht mehr als Partner betrachtet worden, den man an sich binden will, sondern als Feind, den es zu unterwerfen gilt.

In dem Buch wird diese etwas zugespitzt klingende These durch viele überzeugende Detailanalysen untermauert. Als Indizien dafür, daß es trotz aller chaotischen Interessenverflechtungen eine solche im Ergebnis konsequente und unzweideutige Politik des Westens (und jetzt des Nordens) gibt, gelten vor allem die Strategien der klassischen, von den USA dominierten Steuerungsinstrumente des Welthandels seit dem Abkommen von Bretton Woods (1944, Gründung von IWF und Weltbank).

Diese Strategien sind: Kürzung der öffentlichen Ausgaben, der Sozialsysteme, der Löhne, Abwertung der Währungen, Privatisierungen. Solche "Strukturanpassungen" haben voraussehbare Folgen in der Gesellschaft und begünstigen die Usurpation der Macht durch korrupte Eliten, die Schwächung jeglicher Werte- und Ordnungssysteme und schaffen Situationen, die für Bürgerkriege, Rassenauseinandersetzungen und schismatische Tendenzen einen idealen Nährboden bilden.

Eskalation der sozialen Ungleichheit, Ausbeutung auf jede erdenkliche Art, Priorität des Schuldendienstes und Abhängigkeit von Gläubigerstaaten verhindern gezielt jene Aufgaben, die in den Ländern des Südens im Wortsinn überlebenswichtig sind: Kampf gegen Epidemien, Umweltschutz, Erziehung und Bildung, Gesundheitswesen. "Seit der Plünderung Lateinamerikas durch die Konquistadoren", so eine Beamter der Weltbank, "hat es nicht mehr eine so extensive Umsetzung von Geld und Sachwerten vom Süden in den Norden gegeben wie jetzt." So werden die Länder Afrikas mehr als 40 Jahre brauchen, um das Pro-Kopf-Einkommen wieder zu erreichen, das sie in den 70er Jahren hatten.

Gegenüber dem "klassischen" Kolonialismus haben solche Strategien den Vorteil, daß sie ohne den direkten militärischen Eingriff funktionieren. Die beabsichtigte Wirkung erscheint als Folge objektiver Zwänge und Gesetze, die zudem vor allem für den Gegner gelten und, wenn es die politische Opportunität erfordert, geahndet werden können, notfalls mit militärischen Mitteln. Die Urheber dieser "Spielregeln der Globalisierung", allen voran die USA, können, als Delinquent und Richter in einer Person, unbekümmert gegen sie verstoßen.

Aus dem Zusammenbruch der sozialistischen Länder ist eine grenzenlose und interdependente, auf der Basis von Marktgesetzen beruhende Welt hervorgegangen, in der Verhaltensweisen eines mittelalterlich anmutenden Raubritter-Kapitalismus immer üblicher werden. Am Ende seiner Präsidentschaft konnte Reagan mit der ihm eigenen Naivität und einem Zynismus, zu dem sein individueller Geist gar nicht fähig war, feststellen: Wir wollten eine Nation verändern und nun haben wir die Welt verändert". Es war damit eine Veränderung gemeint, die Serge Halimi (in Le Monde diplomatique) als "Rekolonisierung der Welt" bezeichnet, und die seither nicht ohne Auswirkungen auch auf die Länder des Nordens bleibt: Eindämmung der Gewerkschaftsbewegung, Abbau der sozialen Systeme und vor allem die "Abschottung" gegenüber einem armen Süden, der für sich einen Anteil am verschwenderischen Reichtum einfordert.

Ein solches Bild zeichnet die allgemeine Situation als Hintergrundschema und muß durch die Feststellung relativiert werden, daß es weder einen so wie hier beschriebenen einheitlich handelnden Norden noch einen in ähnlicher Weise einheitlich leidenden Süden gibt. Aber das Modell verweist auf Grundgesetze politischer Handlungsmotivationen, die sonst nur unzulänglich mit moralischen Kriterien erfaßt werden könnten. Die südostasiatischen Länder zum Beispiel widersetzen sich mit differenzierten Strategien und unterschiedlicher Intensität den Zumutungen, mit denen die "neue Weltordnung" sie konfrontiert. Ihre Widerstandsstrategien, die oft genug scheitern, sind mehr als ein Sich wehren in konkreten und auf das Land bezogenen Aktionen.

Je deutlicher die Verweigerungen aus dem Bewußtsein erfolgen, daß es ein allgemeines Menschenrecht auf ein würdiges Dasein gibt, um so größer wird ihre Bedeutung für eine neue Solidarität. Je mehr man eine Welt durchschaut, um so größer sind die Chancen, daß man sie verändern kann. Walden Bello kommt zu dem Schluß, daß die Hoffnungen auf eine internationale Solidarität nicht unberechtigt waren, sondern nur verfrüht.

Also das Gegenteil von anachronistisch, überkommen, nostalgisch. Vietnam ist eines der Länder, die sich querstellen. Man überlegt sich dabei aber sehr genau, welche Folgen im einen Fall die Verweigerung für die eigene Bevölkerung hat und ob nicht vielleicht ein Zurückweichen im anderen Fall Gefahr und Not von ihr abwenden könnte. Der damit angedeutete, berühmte "Pragmatismus", der wie ein politisches Leitmotiv die ganze Geschichte der vietnamesischen Partei und des vietnamesischen Widerstandskampfes durchzieht, läßt sich auf folgende Grundprinzipien zurückführen:

Die Ideale hochhalten, die Weltentwicklung beobachten, die eigenen Kräfte einschätzen, den richtigen Moment wählen und dann handeln. Wir können das auch in uns angemessenere philosophische Begriffe übersetzen: Einer menschlichen statt einer marktorientierten Logik Geltung verschaffen, einer humanitären statt einer kommerziellen Rationalität folgen, im ganz kleinen, d.h. in dem größten uns zugänglichen Ausmaß einer globalen menschlichen Eiszeit entgegenwirken.

Der Kampf um diese Prinzipien ist in Vietnam voll entbrannt. Deshalb ist Vietnam unsere Sache, immer noch und immer neu.

Hannover, 9.06.2001

Veröffentlicht in Vietnam Kurier 2/2001

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