Vo Nguyen Giap –
eine Chronologie

zusammengestellt von Günter Giesenfeld

„Hätte es keinen Krieg gegeben, wäre ich Lehrer geworden.“1

Eine Rückbesinnung anlässlich des Todes eines Generals und Revolutionärs, der Weltgeschichte geschrieben hat, in Form einer Chronologie mit Angaben zum historischen Hintergrund.

1884:

Die Kolonialmacht Frankreich vereinigt die drei Kolonien Cochinchina, Annam und Tonking zusammen mit Laos und Kambodscha zu „Französisch-Indochina“.

25. August 1911:

Vo Nguyen Giap wird geboren in An Xa, einem Dorf in Nord-Annam. Es liegt an dem Küstenband gleich nördlich des 17. Breitengrades, an der Stelle, wo Vietnam am schmalsten ist. Die Landschaft ist geprägt von Sanddünen, die erst weit landeinwärts bewachsen sind. Es weht ein ständiger rauer Wind aus Richtung Laos.
Giaps Mutter sitzt am Webrad, wenn sie nicht auf den Feldern arbeitet. Der Vater ist ein „gelehrter Bauer“, der sein Land bearbeitet, aber auch dem Sohn schon früh sein Wissen vermittelt, ihn Lesen und Schreiben lehrt und ihm seine Vaterlandsliebe weitergibt. Die Provinz ist voller Spuren der vietnamesischen Geschichte: Hier verfasste der Gelehrte Dao Duy Thu Anfang des 17. Jahrhundert eine Abhandlung „Die Geheimnisse der militärischen Kunst“, und 30 Jahre vor Giaps Geburt ging von hier aus der patriotische König Ham Nghi in den Dschungel und rief das Volk zum Aufstand auf (Chieu Can Vuong). Eine „Bewegung der patriotischen Gelehrten“ (Van Than) entstand. Ham Nghi wurde 1888 verhaftet und starb 1936 in Algerien. (LdR 81f.).

1923:

Nach Absolvierung der Grundschule in An Xa geht Giap auf die kantonale Schule von Dai Phong. 1923 dann geht er nach Hue und besteht, nach einem ersten gescheiterten Versuch, die äußerst strenge Aufnahmeprüfung für die Quo Hoc-Oberschule. Auf eine solche Schule gehen zu können, war damals ein großes Glück. Einerseits waren alle Schüler extrem fleißig und lernbegierig, andererseits waren die höheren Schulen, bis hin zu den französisch Gymnasien, Zentren der patriotischen Besinnung. Viele lernten dort, um später Mandarine zu werden, die meisten hatten außerdem romantische Vorstellungen von einem antikolonialen Widerstand, der „das Vaterland retten“ und dann erneuern sollte. Es gibt Gerüchte über einen gewissen Nguyen Ai Quoc (der spätere Ho Chi Minh), der zu einer Gruppe von „Bolschewisten“ gehöre, die vor allem dadurch einen gewissen Bekanntheitsgrad erreicht hat, dass die Presse der Kolonialmacht unentwegt gegen sie wetterte.
Im Untergrund und unter Schülerkreisen zirkulierte Nguyen Ai Quocs Aufsatz „Le procès de la colonisation française“ (Der Prozess der französischen Kolonialisierung), der 1922 in Paris erschienen war. Auch Giap hat ihn damals gelesen, diese Lektüre soll der Anlass gewesen sein, dass er sich nun intensiv in das Studium der Geschichte und der Geographie vertiefte.

1925:

Der neue Generalgouverneur Merlin macht gleich bei seinem Amtsantritt 1924 Schluss mit relativ liberalen Vorstellungen seiner Vorgänger Albert Sarraute und Maurice Long. Er hatte erkannt, dass es ein Fehler war, sehr begabten Vietnamesen ein Studium in Frankreich zu ermöglichen (mit dem Ziel, sie später in der Kolonialverwaltung einzusetzen). Denn diese Aufenthalte führten allzu oft zu einer anti-französischen Haltung bei den jungen Intellektuellen. Also mussten diese jetzt heimlich nach Frankreich reisen – allein 1925 waren dies 400 Studenten. Merlin schränkte auch radikal die Macht des vietnamesischen Königshofes ein und benutzte dazu den Tod des Königs Kai Dinh. Der König war praktisch entmachtet2. Ein Grund mehr für die jungen oppositionellen Intellektuellen, sich nach Frankreich zu orientieren. Sie schreiben anschließend satirische und kritische Artikel in französischsprachigen Zeitungen. André Malraux beklagte sich: „Diese Gerüchte, die zu uns kommen aus annamitischem Boden, diese Angst, die seit einigen Jahren den unterschiedlichsten Ressentiments und Hasstiraden entspringt, kann, wenn man nicht aufpasst, das Feld einer schrecklichen Ernte werden.“ (zit. nach Boudarel 17).
Anschläge erschüttern die koloniale Idylle, aber nicht nur in Vietnam selbst. In Kanton (China) gibt es ein Attentat auf Merlin, in Shanghai wird der bekannte vietnamesische Schriftsteller Phan Boi Chau verhaftet, als er dort Nguyen Ai Quoc besuchen wollte, und zum Tode verurteilt. Diese Nachricht löst eine bis dahin nie da gewesene Welle von Protesten aus, so dass der neue Gouverneur Varenne, seit Ende 1925 im Amt, ihn begnadigen muss, aber er steht unter Hausarrest. Giap lernt den berühmten Vordenker des Widerstandes persönlich kennen, als er nach Hue zurückkehrt. Wie viele der aktiven Opponenten in den Schulen wird er relegiert, aber schon längst ist das Lernen nicht mehr sein Lebensmittelpunkt.

1927:

Inzwischen gibt es viele Widerstandsorganisationen oder -parteien – bei einigen ist er Mitglied – andere orientieren sich „proletarisch“ und organisieren Streiks. Giap betätigt sich als Journalist und schreibt für verschiedene oppositionelle Organe. Seine Artikel fallen oft der Zensur zum Opfer, er selbst wird ständig beobachtet.

1930:

Gründung der „ indochinesischen kommunistischen Partei“ (KPI) im Untergrund.
In Yen Bai gibt es eine Meuterei unter den „tirailleurs“3 in der französischen Kolonialarmee, im Delta des Roten Flusses gibt es regelrechte Aufstände, in Vinh einen Generalstreik, in Nghe An und Ha Tinh entzieht ein Aufstand zwei Provinzen der Kontrolle der Kolonialmacht, sie werden die „Sowjets von Nghe Tinh“ genannt (LdR 95). Zur „Befriedung“ der Aufstände wird die Fremdenlegion eingesetzt, in den Städten werden Demonstranten und ihre Familien verhaftet. Darunter auch Giap. Wegen „Gewalt gegen einen Franzosen“ wird er zu zwei Jahren Gefängnis verurteilt. Er sitzt sie ab im Gefängnis von Lao Bao an der laotischen Grenze. Es ist die Hölle, reihenweise sterben Gefangene an Krankheiten und an der Folter. Es gibt häufig Meutereien und Ausbruchsversuche.

1932:

Giap wird unverhofft vorzeitig entlassen auf Betreiben eines hohen französischen Beamten der Sûreté, der französischen Sicherheitspolizei, namens Louis Marty. Dieser vertrat die Ansicht, dass Frankreich ein Interesse daran haben müsse, oppositionelle Intellektuelle auf seine Seite zu ziehen. Dazu sollte auch die Tolerierung von kritischen Zeitschriften dienen, in denen die Kandidaten für eine solche Bekehrung sich austoben konnten. Für Marty war Giap offensichtlich ein interessanter Mann. Das bewahrte diesen davor, die Haft nicht zu überleben, wie viele seiner Mitgefangenen, die entweder dort starben oder lebenslang krank zurück kamen. Als er frei kommt, missachtet er die Auflage, in sein Heimatdorf zurückzukehren und dort unter Hausarrest zu bleiben, und geht schließlich nach Vinh. Dort kommt er bei einem ehemaligen Lehrer und Mitgefangenen unter, Nguyen Huy Binh. Dessen Tochter Nguyen Thi Quang Thai hatte er im Gefängnis kennen gelernt und heiratete sie später.

Giap als Student in Hanoi 1933 Bild aus: Le Quang

1933:

Binh wird Lehrer in Hanoi, Giap folgt ihm. Aus Gründen, die nie genau bekannt geworden sind4, hilft Marty hier erneut und sorgt dafür, dass Giap auf das berühmte Lycée Albert Sarraute aufgenommen wird, das beste Gymnasium in Vietnam und normalerweise nur für Franzosen offen. „Vielleicht erkannte er, das es besser war, einen so begabten Menschen, der eine steile Karriere vor sich hatte und ein treuer Diener Frankreichs werden könnte, nicht in der Unterklasse verkommen zu lassen. Giap schien seine Lektion gelernt zu haben, und es war jetzt Zeit, ihn zu zähmen und zu neutralisieren.“ (Currey 27f) Giap besteht 1934 die Baccalaureats-Prüfung, erhält eine Stelle als Lehrer und studiert Jura.

1936:

In Frankreich kommt eine linke Regierung unter Léon Blum an die Macht (front populaire). Dies hat auch Auswirkungen auf die Kolonien. In Vietnam kann die KPI halblegale Aktivitäten entfalten: Herausgabe einer Zeitschrift in Französisch, in der Nguyen Ai Quoc, Pham Van Dong und Truong Chinh unter Pseudonymen Artikel veröffentlichen. Giap verfasst eine Broschüre mit dem Titel „Le problème paysan“ (Das Bauernproblem), in der es heißt: „Für die Kapitalisten sind die Bauern nur primitive Erdärsche (culs-terreux), die es nicht einmal verdienen, dass man sie erwähnt. Und doch, wenn es ihnen zu viel wird, wenn sie es nicht mehr aushalten, erwachen die erdverbundenen Farmer, sehen die Dinge ohne Scheu und werden zornig. Sie steigen herab in die politische Szene und erheben sich gegen ihre Ausbeuter“ (Boudarel 20).

1937:

Giap wird Mitglied der Kommunistischen Partei.

1939:

Nach dem Scheitern der französischen Volksfrontregierung 1938 geht die KPI wieder in den Untergrund.

1940:

Giap reist nach China, zusammen mit Pham Van Dong. Dort trifft er zum ersten Mal Vong alias Nguyen Ai Quoc. Giaps Frau wird von den Franzosen ermordet. Giap erfährt es erst fünf Jahre später.
Unter dem Eindruck des Falls von Paris wird in China geheim die Organisation Viet-Minh vorbereitet, die 1941 in Vietnam offiziell gegründet wird. In Vietnam beginnt der Einmarsch japanischer Truppen. Die Franzosen ziehen sich zurück.

1942:

Giap kehrt nach Vietnam zurück, wo in der nördlichen Provinz Cao Bang allmählich ein Stützpunkt des Viet Minh entsteht, in der berühmten Grotte von Pac Bo. Dorthin kommt auch Nguyen Ai Quoc, der sich fortan Ho Chi Minh nennt, 1943 aus China zurück. Er organisiert politische Kurse, die von fliegenden Lehrern, unter ihnen Giap, überall abgehalten werden. Die Absolventen verstreuen sich im unzugänglichen Berggebiet und geben ihr Wissen weiter. So soll der Aufstand vorbereitet werden. Es bilden sich freie Zonen, in denen sogar eine rudimentäre Infrastruktur und Verwaltung durch den Viet Minh aufgebaut wird. Aber die französischen Truppen werden verstärkt und die Lage wird immer gefährlicher.

1944:

Die Gründung der ersten „Propagandabrigade“ wird beschlossen. Giap wird ihr Kommandierender. Die ersten Guerillaaktionen finden im unzugänglichen Berggebiet im Norden nahe der chinesischen Grenze statt und sind gegen kleine französische Militärposten und Stützpunkte gerichtet, und zwar nicht, um sie zu erobern, sondern vor allem, um Waffen zu erbeuten. Außerdem werden vietnamesische Söldner über die Ziele der Guerilla aufgeklärt und dann mit Proviant und Ausrüstungen in ihre Dörfer entlassen. Wichtiger noch ist die Propagandaarbeit bei der Bevölkerung. Bevor die Guerilla-Truppe jeweils weiter zieht, veranstaltet sie Zusammenkünfte und Kurse in Politik und Geschichte. Ein von Giap verfasster und von Ho Chi Minh verbreiteter Befehl lautet: „In dieser Periode ist die Politik wichtiger als das Militärische, die Propaganda wichtiger als Eroberungen. Ein Sieg, von dem nur hundert Leute wissen, berührt nur diese hundert Leute. Aber wenn man dafür sorgt, dass tausend Leute davon wissen, dann ist es so, als habe man zehn weitere Siege errungen, oder einen um das Zehnfache größeren Sieg.“ (Boudarel 14)

16. August 1945:

Japan kapituliert nach dem Abwurf von zwei Atombomben. Der Viet Minh ruft zum allgemeinen Aufstand auf. Ho Chi Minh und die Parteispitzen halten sich jetzt geheim versteckt in Hanoi auf.

2. September 1945:

Ho Chi Minh verkündet die Unabhängigkeit Vietnams in Hanoi (August-Revo­lution). Die Bilder des Jubels täuschen. Es herrscht die schwerste Hungersnot seit Menschengedenken, außerdem ist das gesamte Delta des Roten Flusses überschwemmt (12 Meter über Normalpegel!). 2 Millionen Menschen sterben. Die neue Regierung steht vor schier unlösbaren Problemen. Giap als Innenminister ist der Haupt-Zuständige für die ersten Maßnahmen zur Beschaffung von Lebensmitteln. Am 12. September werden sämtliche Privilegien des Mandarinats-Systems abgeschafft. Die Deiche werden verstärkt, auf allen öffentlichen Plätzen wird Gemüse angepflanzt, alles brachliegende oder unkultivierte Land wird an arme Bauern verteilt. Einzige Bedingung: sie müssen anbauen. Die kommunalen Ländereien werden gleichmäßig aufgeteilt. Die Todesstrafe und das Alkohol- und Salzmonopol werden abgeschafft. Pachtgebühren und Zinsen werden auf 25% beschränkt.
Auch außenpolitisch nichts als Bedrohungen. Chinesische Truppen (Chiang Kai-Shek) sind noch im Land, die französische Kolonialmacht bereitet sich vor, Vietnam wieder zurückzuerobern. Im Süden ist dies schon weit fortgeschritten. Dort hat Admiral Thiery d‘Argenlieu5 das Sagen, der die Wiedereroberung gegen den Willen der Regierung in Paris vorantreibt. Demgegenüber vertritt General Leclerc im Norden eine Politik der Verhandlungen mit dem Ziel einer formellen Unabhängigkeit Vietnams.

Abb,: Giap und Ho Chi Minh in Hanoi 1946
Bild aus: Currey

6. März 1946:

Aufgrund eines Abkommens zwischen Frankreich und China (Chiang Kai-Shek) zieht das französische Expeditionskorps wieder in Nordvietnam ein. Ho Chi Minh duldet es, weil die chinesische Besatzung wesentlich grausamer war und es Verhandlungen in Fontainebleau geben soll. Er fährt nach Frankreich, ihm folgt Pham Van Dong als Delegationsleiter. Die Verhandlungen scheitern, es wurde klar, dass die Militärs und alten kolonialistischen Kreise auch in der französischen Hauptstadt das Sagen hatten. Ho Chi Minh blieb allein in Paris und erreicht nach vielen Demütigungen den Abschluss eines Abkommens „modus vivendi“, das wenigstens die Einstellung der Feindseligkeiten vorsah.
Derweil hat Giap in Hanoi die Vorbereitungen auf einen Krieg, der abzusehen war, vorangetrieben. Es ist viel spekuliert worden über einen Dissens zwischen ihm und Ho Chi Minh in der Frage, wie weit man gehen sollte bei Verhandlungen6. Wahrscheinlicher ist, dass es eine Doppelstrategie war mit der militärischen Variante als Plan B. Aber in der Regierung der DRV selbst gibt es Gruppen und Parteien, die eine Verständigung mit Paris sabotieren, so die VNQDD7. D‘Argenlieu im Süden erkennt die Ergebnisse von Fontainebleau nicht an und veranstaltet eine Gegenkonferenz in Dalat, dortiger Verhandlungsführer der DRV ist Giap. Ho Chi Minh wählt für die Rückreise nach Vietnam den Seeweg und ist mehrere Wochen unterwegs.

November-Dezember 1946:

Im Hafen von Haiphong führen militärische Gefechte zwischen französischen und vietnamesischen Einheiten zur Bombardierung einiger Stadtteile durch die französische Marine.8In Hanoi werden Franzosen von Anhängern der VNQDD angegriffen und getötet. Das Expeditionsheer schießt zurück. Ein neuer Krieg beginnt.

14. Februar 1947:

Ho Chi Minhs Regierung zieht sich wieder in den Untergrund zurück. Große Teile der Bevölkerung werden aufs Land evakuiert. Eine große Offensive der französischen Streitkräfte stößt ins Leere. Die Konsolidierung der eroberten Gebiete ist mühsam in einer total feindlichen Atmosphäre und Natur. Frankreich kontrolliert höchstens ein Viertel des Deltas. Die Streitkräfte des Viet Minh bereiten sich auf die Gegenoffensive vor.

1. Oktober 1950:

Die französischen Truppen erleiden eine erste Niederlage bei Cao Bang. General De Lattre de Tassigny wird neuer Oberbefehlshaber in Vietnam. Der Viet Minh trifft Vorbereitungen zur Bildung von Untergrund-Organisationen in den Städten. Giap setzt auf „mobile Einheiten“, die an verschiedenen Stellen angreifen (und oft zurückgeschlagen werden), aber gleich wieder wo anders angreifen. Die französischen Truppen werden gezwungen, sich zu verteilen. Ein mächtiger Militärschlag an einer Stelle würde zu viele Positionen anderswo gefährden. Überlegungen, den Viet Minh an einer selbst gewählten Stelle zu einer großen Schlacht zu zwingen, konzentrieren sich auf Dien Bien Phu. Vorerst ist Giap derjenige, der die Initiative innehat.

Mai 1953:

Ein neuer Befehlshaber, General Navarre, kommt in Saigon an. Sein Plan ist es, den Krieg in einer Offensive großen Stils zu entscheiden. Giap zieht seine Truppen aus dem Delta ab und greift in Richtung laotischer Grenze an. Die Franzosen wollen um keinen Preis Laos gefährden, die einzige Kolonie, die noch intakt und loyal ist. Dies trägt dazu bei, die Entscheidung in Dien Bien Phu zu suchen.9

Ankunft der französischen Truppen in Haiphong 1946
Bild aus: Boudarel

13. März 1954:

Die Schlacht von Dien Bien Phu beginnt. Bei ihr kommt das Konzept Giaps vom „Volkskrieg“ zum Tragen. Es gelingt ihm, die gesamte Bevölkerung des Nordens und Nordwestens von Vietnam zu mobilisieren und damit in einer gewaltigen kollektiven Anstrengung schwere Waffen, Munition, Ausrüstung und Verpflegung (inkl. medizinische Einheiten, Versorgungszentren) mit primitivsten Mitteln durch den unwegsamen Dschungel ohne Infrastruktur oder Straßennetz auf die Hügel um die „cuvette“ (Schüssel) der französischen Festung zu bringen, und dies, ohne dass französische (und amerikanische) Spione oder Aufklärungsflugzeuge es bemerken.
Kurz nachdem dieser Kraftakt vollendet ist, sollte in einem schnellen Angriff die noch nicht voll militärisch ausgebaute Stellung der Franzosen erobert werden. Aber als die Vorbereitungen dazu schon liefen und die Befehle erteilt waren, ändert Giap seine Meinung: „In der ersten Phase, als wir ihn schon eingekesselt hatten, war der Feind noch schwach, so dass wir gegen die Zeit arbeiten wollten, um von dieser relativen Schwäche zu profitieren, eine schnelle Schlacht zu schlagen und einen schnellen Sieg zu erringen.“ Aber den eigenen Streitkräfte, so gut sie auch aufgestellt und mit allem versorgt waren, „fehlte es doch an der Erfahrung bei der Eroberung von befestigten Stellungen. In wenigen Wochen hatte der Feind ein starkes Verteidigungssystem aufgebaut, ein schneller Angriff könnte vielleicht nicht den erwünschten raschen Sieg bringen. Also besannen wir uns auf unser altes Prinzip: vorsichtig vorangehen und erst zuschlagen, wenn der Erfolg sicher ist.“ (Macdonald 139) Giap änderte also seine Pläne, was nicht wenig Erstaunen und einige Kritik hervorrief, und plante eine lange Schlacht mit einer schrittweisen Eroberungstaktik.

7. Mai 1954:

Eroberung der Festung von Dien Bien Phu, während in Genf eine internationale Konferenz über Indochina tagt.10

22. Juli 1954:

Durch die Unterzeichnung des Genfer Abkommens hört „Französisch-Indochina“ auf zu existieren. Vietnams Unabhängigkeit, Einheit und territoriale Integrität wird anerkannt, das Land aber vorübergehend in zwei Regruppierungszonen geteilt. Nach zwei Jahren sollen freie Wahlen stattfinden. Diese werden von der südvietnamesischen Regierung und den USA sabotiert. Beide Teile Vietnams entwickeln sich völlig gegensätzlich. Die USA setzen Bao Dai als Monarchen und den Katholiken Ngo Dinh Diem als Premierminister ein, regieren aber selbst mehr oder weniger direkt im Süden. Sofort beginnen Verfolgungen aller, die im Krieg mit dem Viet Minh sympathisiert haben. Im Norden verkündet Giap: „Wie groß auch immer der Sieg sei, er ist nur ein Anfang“. Seit seinem großen Auftritt bei der Siegesfeier am 10. Oktober 1954 erscheint Giap in der Öffentlichkeit nur noch in Zivil. „Mehr als jedes andere Regierungsmitglied sieht er tatsächlich alle Probleme, die sich in Vietnam stellen, in einem vom Krieg verwüsteten Vietnam, das das neue Regime ohne irgendwelche Erfahrung zu verwalten hat.“ (Le Quang 145) Er versucht sogar, die noch verbliebenen französischen Fachleute zum Bleiben zu bewegen.

Giap mit seiner zweiten Frau Dang Buich Ha im Jahre 1956
Bild aus: Currey

Ab 1955:

Im Süden bekämpft Diem alle Gegner und Rivalen militärisch (z.B. die politischen Sekten Cao Dai und Hoa Hao) und propagiert den „Marsch nach Norden“ um diesen „vom Kommunismus zu befreien“. Er setzt Bao Dai durch ein Referendum ab und verkündet in Washington im Mai 1957: „Die Grenze der Vereinigten Staaten verläuft jetzt am 17. Breitengrad“ (Boudarel 85).
Im Norden versucht man, durch eine grundlegende Landreform als erstes die prekäre Versorgung der Bevölkerung mit Lebensmitteln zu vebessern. Bei dieser Reform, die auf dem Land die Besitz- und sozialen Verhältnisse vom Kopf auf die Füße stellen soll, hat man nicht mit der konservativen Grundhaltung vieler Bauern und nicht mit der mangelnden Erfahrung vieler Kader gerechnet. Die Reform, die maoistische Züge trägt, kommt bald ins Stocken, in den Provinzen Nghe An und anderen im nördlichen Zentralvietnam kommt es zu Aufständen. Die Regierung reagiert sofort und übt kollektiv Selbstkritik, obwohl es sehr wohl einzelne Verantwortliche für die Fehler gibt (z.B. Truong Chinh). Giap ist einer der ersten, die in die betreffenden Gebiete geschickt werden, um den Bauern die Selbstkritik der Regierung zu übermitteln. Sehr klar kritisiert Giap auf der 10. Sitzung des ZK der KP die Politik von Partei und Regierung: „Wir haben die notwendige Einigung mit den mittelgroßen Bauern vernachlässigt … Wir haben ohne Unterschiede die Familien von Grundbesitzern angegriffen, ohne Rücksicht auf die, die der Revolution dienten, und auf die, deren Söhne in der Armee kämpfen. … Wir haben zu viele Irrtümer begangen und zu viele Menschen getötet“. Und er scheut sich nicht, die Aktionen als das zu bezeichnen, was sie waren – ungeachtet dessen, dass es viele Argumente gab, die Geschehnisse zwar nicht zu entschuldigen, aber zu erklären (Unerfahrenheit der Kader, die in die Döfer geschickt wurden, ihre Ohnmacht angesichts der von ihnen ausgelösten Wut der Bauern gegen die Grundbesitzer): „Da wir überall Feinde sahen, haben wir zum Terror gegriffen.“ (Le Quang 150)11

20. Dezember 1960:

Im Süden wird die „Nationale Befreiungsfront“ gegründet. Dies war eine Reaktion auf die immer grausamer durchgeführte Disziplinierung der Bauern im Süden, deren Lebensbedingungen durch Ausbeutung und die Jagd nach „Kommunisten“ immer weniger erträglich wurden. Diese Gründung ist keineswegs, wie damals oft behauptet, auf einen „Befehl“ aus dem Norden zurückzuführen. Im Gegenteil, sie erfolgte ohne Abstimmung mit der Regierung der DRV und war nach ihrem Selbstverständnis eine rein südvietnamesische Angelegenheit. Sie versuchte, die einzelnen isoliert erfolgenden Aufstände im ganzen Gebiet des Saigoner Regimes mit einer zentralen Organisation zu versehen und damit zu koordinieren. Die Befreiungsfont versteht sich als Bündnisorganisation, in deren Leitung auch Vertreter von anderen Parteien aus dem Süden mitwirkten. Die KP des Südens hält sich sogar eher im Hintergrund. Aufstände und Guerilla-Aktionen führen zu einer bedrohlichen Desintegration des Regimes, sozial und vor allem politisch.

1961-1963:

US-Präsident John F. Kennedy erhöht die Zahl der amerikanischen Soldaten in Vietnam auf 15.000. Die USA versuchen, durch aufeinander folgende verschiedene militärische Strategien der Lage Herr zu werden: Der „Spezialkrieg“ bestand darin, die Landbevölkerung, die als besonders anfällig galt, in sogenannten „Wehrdörfern“ nach einem Plan der US-Generäle Staley und Taylor zu konzentrieren, mittels der der „physischen Trennung der Guerilla vom Volk“, sollten die Guerilla-Kämpfer zu „outcasts“ gemacht werden. Konkret bedeutete das die Zwangsumsiedlung großer Teile der Landbevölkerung, die Errichtung von Lagern, in denen die Bauern wie Gefangene gehalten wurden. Dann kam die Phase des „begrenzten Krieges“, der auch direkte militärische Aktionen gegen die DRV einschließen sollte (Bombardierung nordvietnamesischer Ziele nach dem inszenierten „Zwischenfall von Tonking“).

1965-1966:

US-Präsident Lyndon B. Johnson schickt Bodentruppen nach Vietnam. 1967 kämpfen 510.000 US-Soldaten in Vietnam. Gleichzeitig versucht die US-Luftwaffe, den Ho Chi Minh-Pfad durch Bombardierungen zu zerstören, was nicht gelingt.

Für Vietnam bestimmte Bomben im US-Stützpunkt Guam
Bild aus: Boudarel

Giap ist, angesichts der Bedrohung durch eine vielfach überlegene Technik der Kriegsführung und der Tatsache, dass er nun in der Luft und auf dem Gelände die USA als direkten Gegner vor sich hat, gezwungen, das Konzept des Volkskriegs zu modifizieren. Nach langem Zögern wird nun die Befreiungsfront im Süden klar unterstützt: vorerst durch Material und logistische Hilfe. Aktionen im feindlichen Hinterland haben höchste Priorität. Was Giap die „Arbeit an der Verwissenschaftlichung des Volkskriegs“ nennt, bedeutet praktisch den „Übergang vom Handwerk zur Mechanisierung“ des Kampfs (Boudarel 100f), Denn wenn auch letztlich die Menschen den Krieg entscheiden, so sind es doch die materiellen und technischen Grundlagen, die über die Effizienz der Armeen und ihre Kampfkraft entscheiden. Erste Erfolge auf diesem Weg sind die Schlacht von Ap Bac 1963 und natürlich die Tet-Offensive 1968. Gleichzeitig wird die in Dien Bien Phu entwickelte Taktik der Durchsetzung des feindlichen Gebiets mit Gräben und kleinen Stützpunkten der Guerilla weitergeführt, ebenso die für diese Art des „asymmetrischen Krieg“ charakteristische Beweglichkeit der kleinen Einheiten, was zu einem für klassische Strategen verwirrenden „Krieg ohne Fronten“12 führt.

1968:

Die USA reagieren darauf mit Nixons Konzept der „Vietnamisierung des Krieges“. Man versucht, die militärischen Aktionen mehr und mehr auf die großzügig aufgerüsteten „Regierungstruppen“ zu übertragen mit dem Ziel „die Hautfarbe unserer Toten zu verändern“. Dem vorausgegangen war die so genannte Tet-Offensive im Januar 1968, bei der sich zum ersten Mal die Befreiungsfront als ein militärischen Gegner auf Augenhöhe zeigte, was zur Folge hat, dass sich die USA genötigt sehen, eine Verhandlungslösung zu suchen.

1968-1973:

Friedensverhandlungen zwischen den USA und der DRV (später erweitert durch Delegationen des Saigoner Regimes und der PRR13 in Paris. US-Präsident Nixon schickt Henry Kissinger als Verhandlungsführer, der aber eigentlich kein offizielles Mandat der US-Regierung hat. Die Verhandlungen spielen sich im wesentlichen in kleinem Kreis ab, sozusagen privat und nach Kissingers Willen geheim. Für die US-Regierung hat dies den Vorteil, ohne Kontrolle durch die eigenen demokratischen Organe (Parlament, Verteidigungsministerium, Außenministerium) vorgehen zu können, ohne sich je völkerrechtlich festzulegen.14
Während der Dauer der Pariser Verhandlungen (5 Jahre) gab es sowohl in der Region als auch in der globalen Politik entscheidende Veränderungen, und die wichtigste von ihnen war die von Nixon initiierte Annäherung an die beiden bislang als Feinde betrachteten Großmächte UdSSR und VR China. Vor allem die neue Politik in Bezug auf China hatte unmittelbar mit Vietnam zu tun. Nixon und Kissinger versuchten, in Beijing Unterstützung zu finden für ihre Absicht, die Position der DRV in den Verhandlungen und auf den Schlachtfeldern zu schwächen.15
In der Region Südostasien gehen die Kämpfe während der Verhandlungen in Paris fast ohne Unterbrechung weiter. Und die USA weiten den Krieg auf Laos und Kambodscha aus, was international weitreichende Folgen hatte, weil Nixon damit gegen Völkerrecht verstieß und überdies die Aktionen in den Nachbarländern sorgfältig geheim gehalten hatte. Als sie öffentlich wurden, bestärkten sie entscheidend die Antikriegsbewegung, und zwar nicht nur an den Universitäten und in den Städten, sondern auch im Kongress.
Für Giap in Hanoi war der 17. Breitengrad schon immer eine provisorische Grenze gewesen, nicht nur weil es das Genfer Abkommen so vorsah, sondern weil jetzt die Einheit Vietnams das immer mehr ins Zentrum tretende Ziel der Politik in Hanoi ist. Langsam bildet sich eine abgestimmte militärische Planung zwischen der Befreiungsfront und der Armee der DRV heraus. Der so genannte Ho Chi Minh-Pfad, die strategische Verbindungslinie zwischen Nord und Süd, wurde immer wichtiger und zugleich Hauptziel des US-amerikanischen Luftkriegs.
Das am 27. Januar 1973 in Paris unterzeichnete Abkommen war dem Buchstaben nach ein Friedensplan, der eigentlich zur Wiedervereinigung in freien Wahlen führen sollte.16 Aber die USA weigerten sich, diese Bestimmung durch ihre Unterschrift anzuerkennen. In Südvietnam hatte auch Staatschef Thieu nicht die Absicht diesen Bestimmungen Folge zu leisten, war doch allen klar, dass freie Wahlen zu einem überwältigenden Erfolg für Ho Chi Minh führen würden. Immerhin waren die USA durch das Abkommen gezwungen, ihre Truppen aus Vietnam zurückzuziehen, und sie taten dies nicht, ohne die Armee des Südens mit modernstem Kriegsmaterial aufzurüsten.
Giap war überzeugt, dass das Abkommen nicht das Papier wert war, auf dem es gedruckt war, wenn man sich jetzt auf diplomatische Proteste gegen Verletzungen seiner Bestimmungen durch den Süden beschränken würde. Thieu gab jetzt über 70 % des Staatshaushalts für das Militär aus, obwohl er sich auch verpflichtet hatte, abzurüsten. Die Verletzungen des Abkommens durch das Thieu-Regime häuften sich, die Terror-Aktionen gegen die Bevölkerung ebenfalls.
Während des ganzen Jahres 1973 erscheint Giap nur selten in der Öffentlichkeit. Später offiziell bestätigten Gerüchten zufolge ist er (vielleicht mehrfach?) in Moskau gewesen zu medizinischen Behandlungen: chronische Malaria, Diabetes, Hepatitis.17

1974:

Im Oktober 1974 gibt es den ersten Beschluss im Politbüro in Hanoi, die Befreiung des Südens konkret vorzubereiten. Erste militärisch Vorstöße sollten im nächsten Jahr erfolgen, und zwar in Mittelvietnam. Dort waren die Saigoner Truppen in der Gegend Hue/Da Nang und in der 3. Region nördlich von Saigon konzentriert. Dazwischen befand sich, wie man damals sagte, der „weiche Bauch“ des Regimes, dort sollte angegriffen werden. Vom 18. Dezember 1974 bis zum 8. Januar 1975 tagt in Hanoi der gesamte Generalstab und die höchsten militärischen Vertreter der Befreiungsfront. Es sollte die Strategie für diese Angriffe festgelegt werden. Aber die Beratungen werden immer wieder durch Nachrichten aus dem Süden unterbrochen, die jeweils neue Situationen schaffen: der Fall von Phuoc Long und mit ihm die Befreiung einer ganzen Provinz, die Entsendung des US-Flugzeugträgers Enterprise und der 7. US-Flotte an die Küste Vietnams.
Man geht noch davon aus, dass die Befreiung des Südens innerhalb von zwei Jahren erreichbar ist. Dann kommt die Nachricht vom Fall Buon Ma Thuots und Tuy Hoas, womit fast das gesamte Hochland unter Kontrolle der Befreiungskräfte fällt. Am Ende des Treffens wird zwar die Möglichkeit gesehen, dass der endgültige Sieg vielleicht schneller erreichbar sein würde, aber die Gefahr eines US-Eingreifens war nicht auszuschließen.

Abb.: 29. April 1975: Panzer rücken in die Innenstadt von Saigon vor
Bild aus: Boudarel

1975:

Erst im März 1975 stellt sich heraus, dass weder die US-Flotte noch die US-Air Force in die Kämpfe eingreifen würde.
Aber Giap und sein Kollege, General Van Tien Dung (offizieller Oberbefehlshaber der im Süden agierenden Truppen) waren nicht darauf gefasst, dass es auf die Eroberung der Hochebene keine Gegenoffensive gab, sondern dass die Truppen Thieus den Befehl erhielten, sich in den Süden zurückzuziehen. Und dieser Rückzug war schon bald kein taktisches Manöver mehr, sondern eine Flucht in Panik eine Straße entlang, die lange nicht mehr benutzt worden war und als unpassierbar galt. Für die Befreier kommt dies so unerwartet, dass man vorübergehend ratlos ist und ohne Konzept, auf die Situation zu reagieren. Van Tien Dung: „Was? Der Feind flieht über eine Straße, die wir übersehen haben, die wir schlicht vergessen haben, zu bewachen?“ Man hat ihm berichtet, es gebe dort seit ewigen Zeiten keine Brücke mehr und keine Furt oder Fähre! (Boudarel 129)
Das war der Anfang vom Ende der Thieu-Streitmacht, am 30. April wird, nach einige letzten Kämpfen im Süden, Saigon befreit. Ein Jahr später kam die Wiedervereinigung, die Sozialistische Republik Vietnam (SRV) entsteht. Die militärische Leitung dieses letzten siegreichen Feldzugs, genannt Kampagne Ho Chi Minh, lag bei General Van Tien Dung. Giap war die ganze Zeit in Hanoi und „dirigierte“ sie im Namen der Regierung, in engem Kontakt zum eigentlichen Generalstab, der zuletzt alle paar Tage weiter nach Süden verlegt wurde.18 Erst einige Tage nach dem Sieg kommt er in Begleitung von Le Duan, dem Parteichef, in Saigon an. Schon seit Beginn der 1970er Jahre waren die militärischen Aktivitäten nicht mehr sein eigentliches Arbeitsgebiet – abgesehen von der Verteidigung von Hanoi und anderen Städten im Norden gegen die Bombenangriffe aus der Luft, die äußerst effektiv war und der US-Luftwaffe empfindliche Verluste zufügte.
Es gibt in der westlichen Literatur über die letzte, den Sieg bringende Schlacht im Süden, die Vermutung, Giap sei zu diesem Zeitpunkt gegen seinen Willen faktisch aus der militärischen Führung entfernt worden. Grund dafür seien zwei zuvor verlorene Feldzüge gewesen19: die Tet-Offensive 1968 und der erste Versuch eines Vorstoßes in den Süden 1972. Im ersten Fall handelte es sich um eine Entscheidung der damals noch weitgehend autonomen Führung der Befreiungsfront, im zweiten Fall ist die Schuldzuweisung nicht angebracht: Dieser Vorstoß wurde gegen Giaps Willen und Rat unternommen. Der mit solchen Behauptungen unternommene Versuch, eine Rivalität zwischen Van Tien Dung und Giap zu behaupten, mag glaubwürdig erscheinen, wenn man die westliche Perspektive einnimmt, der zufolge sich die meisten Ereignisse in der Politik auf persönliche Machtkämpfe zurückführen lassen. Dabei wird zweierlei außer Acht gelassen: Erstens, dass in der Führung der DRV alle Entscheidungen kollektiv getroffen wurden, und zweitens, dass man Giap und den anderen Mitgliedern der Führung nicht unterstellen darf, es ginge ihnen (wie so vielen westlichen Staatenlenkern) allein um ihr persönliches Prestige. „Eine solche Solidarität im Kabinett oder im Politbüro war der Hauptgrund dafür, dass es der KP in den ersten Jahrzehnten ihrer Herrschaft gelungen war, ernsthaftere Konflikte zwischen den militärischen und zivilen Führern zu vermeiden. Denn Giap und die anderen Führer waren nicht nur professionelle Politiker. Zuallererst und stets waren sie hochrangige Parteimitglieder.“ (Currey 301).

1976:

Als Verantwortlicher für die wissenschaftliche und technische Forschung soll er die jetzt wichtigste Aufgabe der Revolution voranbringen: die Weiterentwicklung der Produktionsverhältnisse, von Wissenschaft, Technik und Kultur. Auf dem 4. Parteitag de KP im Dezember 1976 hält er eine Rede, in der es heißt: „Eine weitgehende Revolution wurde in der Armee vollzogen, in der das Auftauchen moderner Techniken (Elektronik, Automatisierung, Fernsteuerung, Präzisions- und Feinmechanik) parallel zur kreativen Entwicklung einer ganz neuen Militärstrategie erfolgte, und das in einer relativ kurzen Frist.“ (Boudarel 143). Längst interessieren ihn strategische und aktuelle taktische militärische Fragen nicht mehr so sehr. Stattdessen widmet er sich der Frage, wie sein Land einen Nachholbedarf von zwanzig Jahren in Wirtschaft und Technik aufholen kann.

1977:

Auf Giaps Betreiben wird 1977 die erste vietnamesische Militärakademie gegründet, ein Ergebnis seiner Bestrebungen zur „Verwissenschaftlichung“ der Institutionen der SRV. Dann unternimmt er Reisen ins Ausland als Leiter vietnamesischer Regierungsdelegationen: nach Osteuropa inkl. DDR, nach Moskau. Später reist er nach China, wo er den offiziellen Dank seines Landes für die Unterstützung im Kampf gegen die USA abstattete.20 Auch die feindseligen Aktionen der Roten Khmer kamen in Beijing zur Sprache. Die VR China unterstützte die Roten Khmer, war der eigentliche Garant für die Existenz des „Demokratischen Kampuchea“. Giap hielt den chinesischen Freunden vor, man habe bei militärischen Maßnahmen gegen die Massaker der Roten Khmer in südvietnamesischen Dörfern chinesische Berater gefangen genommen. Giap erhielt darauf keine Antwort und kehrte nach Hause zurück.
Wenn er nicht auf Reisen war, empfing Giap viele ausländische Journalisten, mit denen er ziemlich offen über die Schwierigkeiten sprach, die mit der Wiedervereinigung; der Beseitigung der Kriegsfolgen und dem Aufbau des Landes verbunden waren.

1978:

Giap trifft sich mit dem Oberkommandierenden der sowjetischen Bodentruppen, General Grigoriewitsch in Laos. Thema der Gespräche: Kambodscha und die Roten Khmer, deren Überfälle auf Südvietnam immer heftiger werden und in zwei Provinzen die Einwohner zur Flucht in Richtung Osten zwingen. Das „Demokratische Kampuchea“ besetzt außerdem die Insel Phu Quoc und beginnt damit, Grenzsteine bis zu 20 km in Richtung Vietnam zu versetzen. Der russische General empfahl den militärischen Einmarsch. Die Spannungen mit China wachsen. Am 3. Juli stellt die Volksrepublik die wirtschaftliche Hilfe für Vietnam plötzlich komplett ein und beruft am 16. Juli ihren Botschafter in Hanoi ab. An der südwestlichen Grenzen stehen 19 von China aufgerüstete Rote Khmer-Divisionen, bereit zum Angriff auf Vietnam. Van Tien Dung und Giap beschließen, der Bedrohung ein Ende zu machen, auch weil die größere Bedrohung im Norden sich abzeichnet.

1979:

Am 7. Januar wird Phnom Penh befreit. Die vietnamesische Armee setzt eine neue Regierung unter Heng Samrin ein, die aus nach Vietnam geflüchteten ehemaligen Roten Khmer gebildet ist, die von Pol Pot verfolgt worden sind, weil sie sich gegen seine Politik gewehrt hatten. Am 17. Februar folgt die chinesische Reaktion: An der ganzen Nordgrenze dringen chinesische Truppen nach Vietnam ein. Die Invasion wird schnell zurückgeschlagen. Am 5. März kommt aus Beijing der Befehl zum „ordnungsgemäßen“ Rückzug, etwa 30.000 chinesische Soldaten waren gefallen. Man hatte die Verteidigungskraft von Giaps Armee sträflich unterschätzt.
Giap veröffentlicht mehrere Bücher, darunter die Broschüre: „Das ganze Volk vereint zur Verteidigung des Vaterlandes“, in dem die aktuellen Antagonismen zwischen Vietnam und China thematisiert werden.

1980:

Van Tien Dung übernimmt das Amt des Verteidigungsministers, das Giap Jahrzehnte lang innehatte. Er ist damit offiziell aus der militärischen Verantwortung ausgeschieden. Er ist weiter zuständig und aktiv im Bereich Landwirtschaft sowie Technik und Wissenschaft. Er unternimmt weiterhin Reisen ins Ausland, so Moskau und eine große Rundreise in Afrika. Früher sei er ein Mann des Militärs gewesen. „Heute“, sagt er im Interview mit Wilfred Burchett, „ist es unsere wichtigste Aufgabe, gleichzeitig unser Land zu verteidigen und den Sozialismus aufzubauen.“21 Sozialismus, das kann man seinen Schriften entnehmen, ist für ihn die wissenschaftliche Durchdringung und Organisation sozialer Verhältnisse und Prozesse.

Abb.: Generalstabsbesprechung mit Giap on der Höhle von Pac Bo.
Die Gedenkstätte wurde von den chinesischen Truppen
1979 verwüstet und später wieder hergerichtet.

Bild aus: Currey

1981-1990:

Giap scheidet nach und nach aus dem aktiven politischen Leben aus, ob freiwillig oder nicht, wird nicht bekannt. In der Rangstufe der Mitglieder des Politbüros steigt er langsam abwärts, ist aber immer noch im Zentralkomitee der Partei und stellvertretender Ministerpräsident. Bei Veranstaltungen auf regionaler oder lokaler Ebene erscheint er häufig, es ist ihm wichtig, mit Kampfgenossen und Freunden von früher im Kontakt zu bleiben. Das war sein Motiv, auch auf niedriger Ebene „in der Politik“ zu bleiben und nicht zu resignieren angesichts mancher Demütigung, so etwa erscheint er nicht mehr bei der Feier von Jahrestagen militärischer Siege wie beim 40. Jahrestag der Gründung der Volksarmee, die ja im Wesentlichen sein Werk war.
Bei einer Sitzung der Nationalversammlung am 22. Juni 1988 wurde Do Muoi zum neuen Premierminister gewählt. Er reduzierte die Zahl seiner Stellvertreter von sechs auf vier. Giap ist nicht mehr dabei. Aber er wird Beauftragter der Partei für das Erziehungswesen. Giap hat auch wieder Auslandskontakte, so 1989 mit dem chinesischen Botschafter, mit dem er über die Ereignisse auf dem Platz des himmlischen Friedens spricht. Und bei den 11. Asiatischen Spielen war er der höchste Repräsentant Vietnams, der nach dem Angriff von 1979 im Norden Beijing besuchte. Die meiste Zeit aber verbringt er in seiner Villa in der Hoang Dieu Straße nahe des Ba Dinh-Platzes mit seiner Familie.
Im Ausland, vor allem in den USA, kursieren Gerüchte, Giap sei kaltgestellt worden, weil er verdächtigt werde, einen Putsch der Armee gegen die Regierung vorbereitet zu haben. In der Tat gibt es Meinungsverschiedenheiten mit der Regierung, aber sie betrafen die Missstände im Erziehungswesen oder die Energiepolitik. Und Schwierigkeiten hatte er auch bei seinem Bemühen, die alte historische Stätte des Untergrundkrieges, die Höhle von Pac Bo, die die Chinesen 1979 zerstört hatten, wieder aufzubauen: „Die Erinnerungen bleiben. Ich wünsche mir, dass der Tag länger und die Straßen besser seien, so dass ich bequemer und schneller dorthin komme, aber das ist mir wohl nicht gegönnt.“22

Juli 1991:

Giap scheidet aus dem Politbüro aus, kurz vor seinem 80. Geburtstag. Damit endet auch seine Verantwortlichkeit innerhalb dieses Gremiums für Wissenschaft und Technik. Von da an ist er sozusagen im Ruhestand. Trotzdem ist er noch Vorsitzender einer Reihe von Organisationen, staatlichen und nichtstaatlichen, so etwa der „Kommission für Demographie und Familienplanung“.

1996-2010:

Giap mischt sich gelegentlich in öffentliche Diskussionen oder Debatten in der Nationalversammlung ein. So veröffentlicht er 2008 einen Aufsatz mit dem Titel „Gedanken zum Erziehungswesen in Vietnam“23, in dem er scharfe Kritik übt an den Zuständen in Schulen und Universitäten und nichts weniger als eine „intellektuelle Revolution“ fordert. Im Jahre 2009 mischt er sich in die Debatte um die Bauxitförderung in Vietnam ein, die vor allem durch chinesische „Experten“ erfolgen soll. Er schickt zwei sehr scharf formulierte Botschaften an Regierung und Parteileitung.24

Ab 2010:

Giap verschwindet mehr und mehr aus der öffentlichen Szene, ist offenbar schwer krank. Die letzten Monate seines Lebens verbringt er im Krankenhaus und es ist nicht bekannt, ob er noch über alle seine geistigen Kräfte verfügt. Es werden keine Bulletins über seinen Zustand veröffentlicht. Aber diejenigen, die ihn kennen, sei es direkt oder indirekt über seine Taten, warten auf seinen Tod.

4. Oktober 2013:

Giap stirbt im Alter von 103 Jahren.

Anmerkungen:
1 Vo Nguyen Giap, zitiert nach einem Artikel von Lady Burton in VNS 22.09.2013.
2 Da sein designierter Nachfolger, Bao Dai, erst 12 Jahre alt war, übernahm die Kolonialmacht auch die Funktionen des Königs.
3 Eigentlich: „Schütze“, in der französischen Kolonialzeit einheimische Soldaten im Gegensatz zu den französischen oder denen der Fremdenlegion.
4 Giap hat sich stets geweigert, über Marty zu reden, obwohl es als sicher gilt, dass er den Umgang mit ihm bis 1939 gepflegt hat. 5 Der in Paris von de Gaulle unterstützt wird. 6 Genaueres dazu LdR 126f.
7 Viet Nam Quoc Dan Dang, Nationalistische, auf den Kuomintang orientierte Partei, antikommunistisch und auf spektakuläre Aktionen ausgerichtet. Eine viel später neu gegründete Partei trug denselben Namen, hatte aber mit dieser nichts zu tun. Vgl LdR 93, 101, 122
8 Dies geschah eindeutig gegen den Willen des für den Norden zuständigen Generals Morlière. Der Befehl kam aus Saigon, nicht aus Paris. Morlière wurde nicht einmal informiert.
9 Indessen hat sich in Laos mit dem Pathet Lao eine schlagkräftige Widerstandsbewegung gebildet, die eng mit dem Viet Minh zusammenarbeitet.
10 Detailliertere Darstellungen über Dien Bien Phu und Genf gibt es in großer Menge, weshalb hier darauf verzichtet wird. Speziell verweise ich auf meine die Ereignisse kurz zusammenfassenden Aufsätze: Wie Vietnam um seine Siege gebracht wurde. Erster Teil: Ein Präsident als Einzelkämpfer: 1945-47, VNK 3-4/2009; Zweiter Teil: Von Dien Bien Phu nach Genf, VNK 2/2010.
11 Wer mag, kann darin, wie viele westliche Beobachter, die Auswirkung von Machtkämpfen zwischen Giap und Truong Chinh und später Le Duc Tho sehen – und, durchaus berechtigt – zwischen einer pro-sowjetischen und einer pro-chinesischen Orientierung.
12 Vgl. das diesen Titel führende Buch von Bernd Greiner und meine Ausführungen dazu in LdR 237-243.
13 die im Juni 1969 gegründete „Provisorische revolutionäre Regierung Südvietnams“ als eigene politische Repräsentanz der Befreiungsfront.
14 Auch hier verweise ich auf meinen Aufsatz: Wie Vietnam um seine Siege gebracht wurde. Teil 3: Verhandlungen in Paris, in dem die Pariser Gespräche zum ersten Mal unter Verwendung von vietnamesischen Sitzungsprotokollen ausführlich dargestellt werden. VNK 3-4/2011. Und: Nixinger. Traumpaar des zynischen Zeitalters, ebda.
15 Dass vor allem die VR China für Vietnam kein zuverlässiger Verbündeter mehr war, weil das Land sich als Großmacht weltweit zu positionieren begann, war schon in Genf sichtbar geworden.
16 Es war durchaus Konsens in Paris, dass dabei sogar das Regime Thieus eine Rolle spielen sollte, wenigstens für eine Übergangszeit.
17 Es muss erwähnt werden, dass Gerüchte über Krankheiten Giaps im Westen sehr häufig verbreitet wurden, meist fälschlicherweise, vor allem, wenn behauptet wurde, er leide an unheilbaren gefährlichen Krankheiten wie Krebs, Hodgkin Syndrom usw.
18 Zur „Kampagne Ho Chi Minh“ gibt es zwei ausführliche Darstellungen, die deshalb besonders interessant sind, weil sie aus der Perspektive der beiden Kontrahenten geschrieben sind: Van Tien Dung: Our great spring victory, Hanoi 1977, aus vietnamesischer Sicht, und in dem Buch von Frank Snepp: Decent Interval, New York 1977 aus amerikanischer Sicht. Zu den innervietnamesischen Diskussionen vgl.: Tran Van Tra: Débats stratégiques au bureau poltique: Comment fut décidée la chûte de Saigon. In: Georges Boudarel: La bureaucratie au Vietnam, Paris 1983
19 Solche Vorwürfe lassen sich nicht durch vietnamesische Quellen belegen. Das heißt nicht, dass es sie nicht gegeben hat, aber die westlichen Erwähnungen sind ungeachtet dessen Spekulationen.
20 Bei dieser Gelegenheit erfuhr die Weltöffentlichkeit zum ersten Mal, wie umfangreich die Hilfe der VR China für Vietnam gewesen ist.
21 The Guardian, 7. Juli 1980
22 Nhan Dan, 24. Dezember 1989
23 Text in VNK 3-4/2010, S. 8.
24 Text in VNK 2/2009, S. 17

Die Haupt-Quellen für diese Darstellung waren (im Text zitiert mit Verfassername und Seitenzahl):
Gérard Le Quang: Giap ou la guerre du peuple. Paris 1973; deutsch: Giap. General der Revolution. Wiesbaden 1973
Peter Macdonald: Giap. The Victor in Vietnam. London, New York 1993
Georges Boudarel: Giap. Paris 1977
Cecil B. Currey: Victory at any cost. The Genius of Vietnam‘s general Vo Nguyen Giap. Dulles, Virginia 1997
Alain Ruscio: Vo Nguyen Giap. Une vie. Propos recueillies 1979-2008. Paris 2010 [Der Titel ist irreführend: Die Darstellung der Ereignisse durch Zitate geht nur bis 1975]

Die Illustrationen in diesem Artikel sind den o.g. Büchern entnommen und mit Verfassername gekennzeichnet

veröffentlicht im Vietnam Kurier 3-4/2013

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