Keine „Wende”
bei der Kernkraft in Vietnam?

Kommentar von Günter Giesenfeld

W

ie schon mehrfach im Viet Nam Kurier berichtet, hat die vietnamesische Regierung eine sehr positive Einstellung zur friedlichen Nutzung der Kernenergie. Vietnam möchte in den nächsten Jahrzehnten mehrere Atomkraftwerke bauen.1 Diese Pläne existieren seit Langem, sie sind aber, wie viele langfristige Vorhaben, noch nicht bis in Einzelne ausgearbeitet. Haben nun die Ereignisse von Fukushima diese Absichten verändert, ist in Vietnam, wie in vielen Ländern auf der Welt, ein neuer Denk- und Diskussionsprozeß eingeleitet worden? Oder ist es gar zu einer neuen Evaluierung und zu neuen Entscheidungen gekommen angesichts der Katastrophe, die ja nicht wie Tschernobyl in einem technisch weniger entwickelten industriellen Umfeld stattfand, sondern in einem der technologisch am weitesten fortgeschrittenen Länder der Welt?

In der vietnamesischen Presse wurde, soweit das von hier aus beurteilbar ist, den Ereignissen in Japan die notwendige Aufmerksamkeit gewidmet: Die Berichterstattung war und ist relativ vollständig und zutreffend. Es wurde auch über Reaktionen in anderen Ländern berichtet, über die Auswirkungen von Fukushima auf die jeweils nationalen Pläne in Richtung Kernkraft. Dabei wurden auch die Reaktionen der bundesdeutschen Regierung (Moratorium, Abschaltung alter Reaktoren) angemessen dargestellt. Es fehlte allerdings zunächst auffällig jegliche Reflexion darüber in diesen Artikeln, ob man auch in Vietnam Konsequenzen ziehen müsse in Bezug auf die eigenen Pläne. Dann wurde Ende Mai in der Presse eine Stellungnahme des Ministeriums für Industrie und Handel verbreitet, in der man den Versuch erkennen kann, die Bevölkerung zu beruhigen und die eigenen Pläne energisch zu verteidigen. In dem Statement (das wir in diesem Heft in seinen wesentlichen Aussagen wiedergeben) war das Bemühen deutlich, Unsicherheiten bei den Lesern sowohl als legitim zu bezeichnen, als auch zu widerlegen. Soweit dies von außen einzuschätzen möglich ist, gibt es in Vietnam (anders als im Fall Bauxit) keine öffentliche Diskussion über Kernenergie, und schon gar nicht eine Anti-AKW-Bewegung. Insofern ist davon auszugehen, daß man glaubt, diese einmalige, ausführliche offizielle Stellungnahme genüge, um eventuelle Ängste zu beruhigen, und daß man infolgedessen mit der Verwirklichung der Pläne fortfahren könne. Und so arbeitet man intensiv weiter am Bau des ersten Atomkraftwerks.

Wie sieht die Argumentation des Ministers aus und wie ist sie zu beurteilen? Sein wichtigstes Argument ist, daß die vorgesehenen vietnamesischen AKWs neuesten und höchsten Sicherheitsanforderungen entsprechen würden. Dies wird mit einigen technischen Angaben zu belegen versucht: Neue, in Vietnam zu bauende AKWs gehörten der neuesten „Generation 3+” an und seien deshalb viel sicherer als etwa die Reaktoren von Fukushima, die vom früheren Typ der „Generation 2” seien. Das wichtigste Argument in diesem Zusammenhang ist für den Minister, daß diese neue Generation über ein passives und nicht ein aktives Kühlungssystem verfüge, das weder Energie für sein eigenes Funktionieren benötige noch das Eingreifen von Menschen.

Wo da der Vorteil liegt im Falle einer mechanischen Zerstörung der Anlage durch Erdbeben oder Tsunami, erschließt sich dem Laien nicht unmittelbar – und das dürfte auch für die vietnamesischen Leser solcher Verlautbarungen zutreffen. Es bleibt ein beruhigender Effekt und die Unterstellung, etwaige Sorgen wegen der Sicherheit seien angesichts des Fortschritts der Technik unbegründet.

B

esser nachvollziehen läßt sich (einige Google-Recherchen vorausgesetzt) der Hinweis auf die „Generationen”. Man geht bei der Geschichte der Atomkraftnutzung zur Energiegewinnung tatsächlich von aufeinander folgenden Typen aus, die jeweils eine technische Weiterentwicklung aufweisen: Demnach waren die AKWs der Generation 1 seit 1950 gebaut worden und stellten bis etwa 1965 den damals höchsten Stand der Technik dar. Ab 1970 kam die zweite Generation zum Einsatz, deren Technologie bis etwa 1995 Stand der Technik war. Die meisten derzeit weltweit im Betrieb befindlichen AKWs entsprechen diesem Stand. Aber schon seit 1990 wurde an der Entwicklung der dritten Generation gearbeitet, die seit etwa 2000 durch die Generation 3+ abgelöst werden soll. Eine neue Generation 4 befindet sich in der Entwicklungsphase und soll bis 2030 serienreif sein.2

Abgesehen von dem wohl etwas überholten Optimismus, daß man 2030 überhaupt noch mit der Einführung eines neuen Reaktortyps beginnen und ihn weltweit verkaufen könne, wird mir aus dieser Darstellung nicht einmal die gegenwärtige Situation klar. Leser der Verlautbarungen des Ministers können jedenfalls nur zur Kenntnis nehmen, daß die neue „passive” Kühlungstechnologie besser und sicherer sei. In der allgemeinen Diskussion unter Fachleuten geht es eher um die Einführung von neuen Kühlungsmitteln, die Rede ist von Gaskühlung anstatt Wasser- oder Flüssigkeitskühlung. Auch ist mir als normaler Bürger trotz Nutzung der normalen Informationssysteme nichts darüber bekannt geworden, wo in der Welt bereits Reaktoren der Generation 3+ im Einsatz sind und von wem sie gebaut oder geplant sind. Wahrscheinlich ist davon auszugehen, daß es sie noch nicht gibt.

Wir können aber diese Fragen außer acht lassen, wichtiger scheint mir, daß in des Ministers Überlegungen die allerwichtigsten und die Bevölkerung hierzulande bewegenden Fragen gar nicht berührt werden: Daß er nicht den hierzulande beliebten Begriff „Restrisiko” verwendet, legt die Vermutung nahe, daß er bei den neuen Technologien überhaupt kein Risiko mehr sieht. Er glaubt fest an die letztlich uneingeschränkte technische Beherrschbarkeit der Kernenergiegewinnung.

D

a wir in diesem Fall eine aus dem ökonomischen Gewinninteresse eines Großkonzerns resultierende Voreingenommenheit (abgesehen vielleicht von ein paar Korruptionsgeldern) nicht unterstellen können, geraten die sehr wohl vorhandenen sachlichen Gründe für eine solche Haltung in den Blick: der Wunsch, in den Kreis der entwickelten Industrieländer aufzusteigen, die fast alle einen Teil ihres Wohlstands den Kernkraftwerken verdanken, ein regionaler Konkurrenzdruck seitens der ASEAN-Länder3, und nicht zuletzt die Bemühungen ausländischer „Freunde”, die ihre Technik in Vietnam verkaufen wollen und die damit verbundenen entsprechend günstigen Angebote. Attraktiv machen diese Angebote für Vietnam vor allem ein absehbarer Energiemangel, der mit Hydrotechnik kaum mehr aufzufangen ist, und die Tatsache, daß die Entwicklung alternativer Energiegewinnung in diesem Land noch in den Kinderschuhen steckt.

Dabei ist klar, daß Vietnam längst nicht den Stand der technisch-wissenschaftlichen Entwicklung erreicht hat, der es erlauben würde, ganz mit eigenen Mittel und einheimischem know-how Atomkraftwerke zu bauen. Es ist also auf intensive ausländische Hilfe angewiesen, das heißt schlicht, daß die vietnamesischen Atomkraftwerke von ausländischen Firmen gebaut werden müssen. In dieser Hinsicht macht der Minister keinerlei Angaben, obwohl diese Frage auch mit der des technischen Fortschritts verbunden ist: Keiner der derzeitigen Anbieter hat die neueste Technik und vor allem die neuesten Sicherheitsstandards in seinem Angebot.

E

s gab und gibt Hinweise, welche ausländische Technik wohl zum Zuge kommen werde, aber sie widersprechen einander diametral, selbst wenn man auch nur das erste geplanten Projekt betrachtet: In VNK 2/2010 haben wir damalige Indizien benannt, die für eine US-Beteiligung am vietnamesischen Atomkraftprogramm sprachen. Kürzlich erschien in der vietnamesischen Presse ein Artikel über eine Diskussionsveranstaltung, die in Ninh Thuan, dem künftigen Standort des ersten Atomkraftwerks von Vietnam, stattgefunden hat. Sie wurde gemeinsam mit dem Volkskomitee der Provinz organisiert und finanziert von der Staatlichen Atomenergiegesellschaft Russlands (Rosatom) unter Anwesenheit des russischen Botschafters Andrej G. Kowtun. Dieser sagte: „Russland wird die Gesamtverantwortung für die Sicherheit für Atomkraftwerke nicht nur in seinem eigenen Territorium übernehmen, sondern auch an allen anderen Orten, wo es an Atomkraftwerks-Projekten beteiligt ist.” Rosatom-Direktor Sergej Alexandrowitsch kündigte an, 60 vietnamesische Studenten würden mit russischen Stipendien in Russlands „Atomstadt” Obninsk studieren dürfen, darunter zwei aus Ninh Thuan. Die russischen Gäste boten sich auch an, bei der „Konsensbildung” in der vietnamesischen Bevölkerung mitzuhelfen.4 Zum Dritten wird in dem auch in diesem Heft abgedruckten Beitrag zum ASEAN-Bund gemeldet, bei der Konstruktion von Ninh Thuan würde Japan eine entscheidende Rolle spielen. Und wohlgemerkt, dieser Artikel wurde nach der Katastrophe von Fukushima geschrieben!

Es wäre kurzsichtig, wollte man diese Diskrepanzen und Widersprüche abtun mit dem Hinweis auf die Konkurrenzsituation der internationalen Anbieter, denn dahinter verbergen sich existenzielle Fragen der technischen Sicherheit. Es ist nicht bekannt, ob Russland über die Technologie der „dritten Generation” verfügt5, und im Falle Japans wissen wir, daß dies nicht der Fall ist. In die Öffentlichkeit gelangte Nachrichten im Zusammenhang mit der „Generation 4”, für deren Entwicklung die „Generation 3”-Technologie wohl Voraussetzung ist, legen eher nahe, daß es sich dabei nicht im Fortentwicklungen in Richtung höherer Sicherheit handelt, sondern mindestens teilweise um den Versuch der Kraftwerksexporteure (vor allem Frankreich und Russland), ihre Anlagen billiger zu machen, um das nachlassende Interesse auf dem Weltmarkt zu kompensieren.

D

enn in diesem Zusammenhang habe ich nur Meldungen über eine deutsch-französische Entwicklung der dritten Generation gefunden, die vielleicht anderswo unter dem Markenzeichen 3+ gehandelt wird: Es ist der „Europäische Druckwasserreaktor” (EPR), der aber noch nirgendwo realisiert wurde. Planungen für den Bau eines Druckwasserreaktors in Penly an der Küste des Ärmelkanals wurden gestoppt. Der Autor des entsprechenden Artikels kommt zu der ernüchternden Feststellung „Und selbst bei Befürwortern gilt der EPR zwar technologisch als spitze, aber schlicht als zu teuer.”6 Zwei weitere Anlagen in der Normandie und auf der finnischen Insel Olkiluoto sind für 2014 geplant, ihre Kosten haben sich jedoch so stark erhöht, daß fraglich ist, ob sie überhaupt je fertiggestellt werden. Ob zwei bereits nach China verkaufte Reaktoren je realisiert werden, ist noch unwahrscheinlicher. Und von wegen größere Sicherheit: Laut Greenpeace ist der EPR „wegen seiner Stärke und des verwendeten Brennstoffs der gefährlichste Reaktor der Welt”7.

Frankreich, das auf keinen Fall auf die Nutzung der Kernenergie und vor allem auf den Export von entsprechenden Anlagen (vor allem in wenig entwickelte Länder) verzichten will, soll jetzt zusammen mit der VR China dabei sein, eine neue Generation von Atomkraftwerken zu entwickeln, die billiger sind, weniger Kapazität und geringere Sicherheitsstandards haben sollen.8

Und das kann ja wohl nicht jene „Generation 3+” sein, auf die der vietnamesische Minister seine Hoffnungen setzt. Und die „vierte Generation”? Bei der soll es sich – nach den Angaben der Firma GenIV Nuclear Energy Systems – um gasgekühlte schnelle Reaktoren (GCFR) handeln, eigentlich eine Kombination von einem thermischen gasgekühltem Reaktor und einem schnellen Reaktorkern. Statt des bisherigen flüssigen Natriums soll zur Kühlung ein gasförmiges Mittel benutzt werden. Dessen Zusammensetzung und Bestandteile sind noch in der Phase der Erkundung. Dem Konzept wird eine große Nachhaltigkeit und Sicherheit attestiert.9 Wie dem auch sei, es handelt sich um ferne Zukunftsmusik: frühestens 2030 sollen praktische Erprobungen möglich sein, aber bis dahin wird es ja vielleicht gar keine Atomkraftwerke mehr geben.

D

ie vietnamesische Regierung jedenfalls behandelt das Problem derzeit noch als ein technisches und lösbares. Sie spricht in relativ abstrakten Formulierungen über „Sicherheit”, ohne diese genauer zu spezifizieren. Die Möglichkeit eines GAU, welcher Art und welchen Ausmaßes auch immer, wird nicht einmal erwähnt, ebenso wenig das Problem der Entsorgung der radioaktiven Abfälle. Und es gibt auch keine Öffentlichkeit, die sie dazu zwingen könnte, intensiver nachzudenken. Immerhin sieht sie derzeit ihre Pläne ausdrücklich noch in der Phase von Machbarkeitsstudien und verspricht: „Das Kraftwerk wird erst gebaut, wenn die Sicherheit gewährleistet ist”.10 Das ist zwar eine Frage der Interpretation, aber vielleicht haben die Folgen der Katastrophe von Fukushima auf dem Markt des internationalen Handels mit Atomkraftwerken dann doch einen gewissen Einfluß auf die endgültige Entscheidung.

Anmerkungen:
1 Ein Überblick über die Pläne ist in VNK 2/2010 auf S. 69 zu finden
2 Vgl. „Program Overview” der Firma GenIV Nuclear Energy Systems auf der Website des US-Department of Energy: www.ne.doe.gov/genIV1.html. Interessanterweise sind die dortigen Angaben fast wörtlich in die entsprechenden Wickipedia-Artikel gelangt.
3 Vgl. den Artikel in diesem Heft
4 Artikel in VNS 15.04.2011. Vgl auch „Vietnam läßt sich nicht stören, in Frankfurter Rundschau (FR), 18.03.2011
5 Ganz zu schweigen von der „Generation 3+”, die wohl eher eine Projektion ist und kein erprobter technischer Standard.
6 „Strahlende Zukunft – nur bei einem Atom-GAU” FR, 09.05.2011
7 Ebda.
8 „Frankreichs falscher Stolz” in: Financial Times Deutschland, 23.02.2011
9 C. H. Mitchell in: Cordis Technologie-Marktplatz, www.nnc.co.uk
10 Courrier du Vietnam 23.04.2011 (Überschrift
)

veröffentlicht im Vietnam Kurier 1/2011

zurück zurückVNK Home