„Erfahrungen und Meinungen austauschen”

Rede beim Workshop „Vietnam 2013 und die Zukunft der Vietnam-Solidarität“


Nguyen Thi Hoang Van, Generalsekretärin der VUFO

Sehr geehrter Herr Prof. Dr. Günter Giesenfeld Vorsitzender der Freundschaftsgesellschaft Vietnam,
Sehr geehrte Frau Botschafterin der SR Vietnam in der Bundesrepublik Deutschland, I.E. Nguyen Thi Hoang Anh,
ich wünsche allen europäischen Freunden Vietnams, die hier versammelt sind, einen schönen Nachmittag.

Sehr geehrte Damen und Herren,
zunächst möchte ich der Freundschaftsgesellschaft Vietnam und insbesondere Herrn Prof. Giesenfeld, dem Vorsitzenden, meine Anerkennung dafür aussprechen, dass Sie diese Konferenz über die Solidarität mit Vietnam organisiert haben. Herrn Prof. Giesenfeld gratuliere ich dazu, als Vorsitzender wieder gewählt worden zu sein.

Weiterhin möchte ich auch im Namen der VUFO und der hier anwesenden Delegation aus Vietnam den Freunden in der Freundschaftsgesellschaft dafür danken, dass sie diese Konferenz veranstaltet haben. Außerdem danke ich den Freunden, die aus Europa hergekommen sind, um daran teilzunehmen. Eure Gegenwart heute und hier ist ein Zeichen eurer freundschaftlichen Gefühle für Vietnam.

gg

Liebe Freunde,
ich wurde von den Gastgebern gebeten, Ihnen einige Informationen über die sozio-ökonomische Lage in Vietnam im Jahre 2013 zu geben, und ich habe auch die Absicht, dies zu tun. Indessen hatte ich kurz vor meiner Abreise die Gelegenheit, den Text zu lesen, den Prof. Giesenfeld für diese Tagung ausgegeben hat und ich muss ehrlich gestehen, seine Gedanken haben mir viele Anregungen gegeben. So habe ich mich entschlossen, heute nicht nur darüber zu reden, was in Vietnam in der letzten Zeit passiert ist, sondern auch dazu etwas zu sagen, was ich weiß und denke über die Dinge, die Prof. Giesenfeld anspricht, auch wenn dies ein wenig persönlich und unzusammenhängend ist.

Ich gehöre zu der Generation, die nach dem Krieg aufgewachsen ist, denn ich wurde in der Zeit geboren, als der US-Krieg in Vietnam zu Ende ging. Ich war zu jung, um eigene Erinnerungen an ihn zu haben. Ich habe den Krieg nur über Bücher, Magazine, Fernsehen und Erzählungen von älteren Menschen kennen gelernt. In der Familie, in die ich hinein geheiratet habe, war mein Schwiegervater der einzige Überlebende des Kriegs, alle anderen Familienmitglieder sind entweder auf dem Schlachtfeld gefallen oder bei einem der Massaker vom Feind getötet worden.

Später hat mir meine berufliche Tätigkeit die Möglichkeit eröffnet, ausländische Freunde zu treffen, die im Krieg für Vietnam gekämpft haben. Ich war bei solchen Begegnungen immer tief bewegt und verstand, dass unser Sieg nicht nur de Sieg unseres eigenen Volkes war, sondern auch das Verdienst progressiver Menschen auf der ganzen Welt und der internationalen Solidaritätsbewegung, zu der viele der hier Anwesenden gehörten.

Ich denke, dass im Bewusstsein vieler junger Menschen in Vietnam dieser Sieg eine ruhmvolle Seite in unserer Geschichte ist. Aber Kriege verursachen auch immer ungeheure Verluste. Und auch heute noch leiden wir unter verschiedenen verheerenden Folgen des Kriegs. Nicht explodierte Bomben und Minen und das Leiden der Opfer von Agent Orange sind immer noch schlimme Probleme, die wir nicht über Nacht lösen können.

Vietnam 2013

Der zweite Punkt meiner Überlegungen betrifft die Frage: „Wo steht Vietnam heute und welchen Weg schlägt es ein?“ Ich erinnere mich noch immer an all die Tage und Jahre nach dem Krieg, in der Periode der zentralisierten ökonomischen Planung. In dieser Zeit waren wir glücklich über die Ziele: „Genug zu essen, genug anzuziehen“, konnten aber nicht darauf hoffen, dass es einmal heißen würde: „Gutes Essen, gute Kleidung”.

Der Erneuerungsprozess (doi moi) mit seiner Politik der Öffnung brachte große Erfolge mit sich und verbesserte die Lebensbedingungen der Vietnamesen im ganzen Land. Aus einem armen, unterentwickelten Land, in dem es oft Nahrungsmittelmangel gab, wurde der weltgrößte Reisexporteur mit mittleren bis niedrigen Löhnen. In Ergänzung zu den ökonomischen Anstrengungen hat die Einführung einer sozialen Politik auf den Gebieten Erziehung, Beschäftigung, Gesundheitswesen und Armutsbeseitigung der Bevölkerung geholfen und die Ungleichheit reduziert, die durch diesen Prozess selber hervorgerufen worden war. Derzeit, nur noch gut zwei Jahre vor der Erfüllung der Milleniumsziele, die die UNO gesetzt hat, rangiert Vietnam nach deren Einschätzung auf dem sechsten Rang der Länder, die diese Ziele erreichen werden.

Die beeindruckendste dieser Errungenschaften ist die erfolgreiche Bekämpfung von Hunger und Armut. In Vietnam wurde die Armut um 75 % verringert (von 58,1 % im Jahre 1993 auf 14,5 % im Jahre 2008), und zwar in allen geographischen Regionen des Landes.

Und, was das Gebiet des Erziehungswesens betrifft, so haben im Jahr 2009 95,5 % aller Kinder die Grundschule besucht und 87,1 % der 15- bis 24-Jährigen konnten lesen und schreiben. Diese Werte liegen viel höher als in anderen Ländern desselben Entwicklungsstands.

Vietnam hat auch große Fortschritte gemacht bei der Gleichstellung der Geschlechter. Dies wird illustriert durch Beteiligung von Frauen und Männern in der Erziehung und im Arbeitsleben (Anteil der Frauen an der Erwerbsarbeit ist 73 %, zum Vergleich: bei den Männern 82 %). Dies gilt sogar für den politischen Bereich (der Anteil von Frauen in der Nationalversammlung beträgt 24,4 %).

Im Gesundheitswesen wurde die Kindersterblichkeit drastisch verringert durch Verbesserungen bei der Pflege von Mutter und Kind. Auch im Kampf gegen HIV/AIDS und andere Krankheiten wurden Fortschritte erzielt.

Auf dem Gebiet des Umweltschutzes hat Vietnam das Prinzip der Nachhaltigkeit in seine Strategien der sozio-ökonomischen Entwicklung aufgenommen.

In der Außenpolitik hat Vietnam inzwischen diplomatische Beziehungen mit 180 Ländern aufgenommen und wurde Mitglied in vielen internationalen und regionalen Organisationen und Gremien der Zusammenarbeit.

Trotzdem gibt es noch eine Menge von Schwierigkeiten und Herausforderungen. Dazu zählt vor allem der Graben (die Schere, wie man hier sagt) zwischen Arm und Reich, die soziale Ungleichheit. Dann die Korruption, unsere Defizite bei der Wirtschaftsführung und ein Pragmatismus bei einem Teil der Bevölkerung, der sich auch in Politikverdrossenheit ausdrückt. Wir sind uns völlig bewusst, dass wir nicht das Wachstum um jeden Preis betreiben dürfen, dass Qualität und Nachhaltigkeit der Entwicklung wichtiger sind. Ich muss sagen, dass wir noch nicht dabei sind, den Sozialismus zu erreichen, aber wir streben dieses Ziel an und sind auf dem Weg dahin. Es ist eine schwere Aufgabe und erfordert große Anstrengungen, ständiges Lernen und unaufhörliches Handeln. Auch Fehler gehören dazu – und die Korrektur dieser Fehler.

Jetzt möchte ich auf die Zahlen und Fakten für die Jahre 2012 und 2013 zurückkommen. Die sozio-ökonomische Lage ist gekennzeichnet durch eine Wirtschaft, die unter dem Einfluss der globalen Krise und subjektiver Schwierigkeiten Einbußen beim Wachstum hinnehmen musste (nur noch 5,03 % im Jahre 2012 im Vergleich zu 5,89 % im Jahre 2011 und 7 bis 8 % in den Jahren zuvor). Eine Politik und Maßnahmen der sozialen Sicherung wurden dennoch durchgeführt.

Was die politische Lage angeht, so macht die Gefährdung von Frieden und Sicherheit in der Region wegen der Auseinandersetzungen im Ostmeer vielen Menschen große Sorgen. In diesen Tagen ruht die Aufmerksamkeit der Öffentlichkeit auf der Beteiligung des Volkes an der Reform der Verfassung von 1992. Bis jetzt gibt es mehr als 26 Mio.1 einzelne Ideen und Eingaben zu dem vorgelegten Entwurf.

Was den inneren Zusammenhalt angeht, die Solidarität zwischen den Menschen und die freundschaftlichen Beziehungen zwischen ihnen, so gibt es in Vietnam 58 Freundschafts- und Friedensorganisationen, die in der VUFO zusammengeschlossen sind. Wir haben eine Menge bedeutender Aktivitäten entwickelt, um das gegenseitige Verständnis, die Freundschaft und die Solidarität zwischen dem vietnamesischen und den anderen Völkern auf der ganzen Welt zu fördern. Dabei geht es uns vor allem um die umfassende Zusammenarbeit zwischen Vietnam und anderen Ländern auf Gebieten wie Kultur, Bildung und sozialen Angelegenheiten. Nebenbei gesagt: Es gibt derzeit in Vietnam 927 Nichtregierungsorganisationen, die auf den verschiedensten Feldern ihre Aktivitäten entfalten, wie etwa dem Kampf gegen die Armut, Gesundheitsvorsorge, Bildung, wirtschaftliche Entwicklung, soziale Absicherung, Klimawandel, Notfallhilfe. Dafür werden jährlich Spenden in Höhe von etwa 300 Mio. US-$ gesammelt.

Schließlich möchte ich die erwähnten Punkte miteinander verbinden, indem ich sage, dass Vietnam, weil es verheerende und zerstörerische Kriege hinter sich hat, sehr wohl den Wert und die Chancen des Friedens einzuschätzen weiß. Wir tun unser Bestes, um die Kriegsfolgen zu überwinden, den Frieden zu erhalten und den Aufbau und die Entwicklung der Nation voranzubringen. Wir sind derzeit in einem Übergangsstadium zum Sozialismus. Wir haben gewisse Fortschritte zu verzeichnen, aber es bleiben eine Menge Schwierigkeiten und Herausforderungen. Deshalb benötigen wir dringender denn je die Solidarität und die Unterstützung der internationalen Freunde.

Ich bin zu dieser Konferenz gekommen, um mit Ihnen Erfahrungen und Meinungen darüber auszutauschen, wie die Solidarität für Vietnam und die Hilfe für dieses Land fortgeführt und entwickelt werden können. Dabei sind wir bereit und willens, noch enger mit Ihnen zusammenzuarbeiten und auf Sie zu hören.

Wir hoffen, dass Sie alle uns auch weiterhin mit Freundschaft, Zusammenarbeit und Unterstützung zu Seite stehen. Wir bemühen uns, etwas zum gemeinsamen Kampf beizutragen, den die Völker der Welt führen für den Frieden, für die Demokratie, den sozialen Fortschritt und eine nachhaltige Entwicklung.

Noch einmal: danke für Ihr Interesse und Ihre Zuneigung, danke für die wichtige Hilfe, die Sie für unser Land und unser Volk leisten.
Und ich danke Ihnen für Ihre Aufmerksamkeit.

veröffentlicht im Vietnam Kurier 2/2013

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