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Reise zu Ho Chi Minh

Bericht über unsere Studienreise im Oktober 2006

Manfred Schmitz

Was ist aus einem Land und einem Volk geworden, das nach über 1000-jähriger chinesischer Fremdherrschaft die Kraft hatte, seine Unabhängigkeit gegen französische Kolonialherren, eine japanische Besetzung, eine barbarische militärische Intervention der USA zu erkämpfen und zu behaupten? Wie hat sich die im Juli 1976 offiziell gegründete Sozialistische Republik Vietnam in einer Welt der Globalisierung und des weltweit fast allein herrschenden Kapitalismus entwickelt?

Dies waren die Hauptfragen, die sich unsere 15 Personen umfassende Reisegruppe - allesamt frischgebackene Mitglieder der "Freundschaftsgesellschaft Vietnam" und überwiegend Naturfreunde - stellte, als wir in dieses Land fuhren.

Im Rückblick auf unsere sehr aufregende und interessante Reise müssen wir wohl resümieren: Trotz unserer Anwesenheit bei einer Feier in Hanoi aus Anlaß des 16. Jahrestages der deutschen Wiedervereinigung, trotz der Besuche in einer Hörgeschädigten-Schule in Hanoi und eines Reha-Zentrums für dioxingeschädigte Kinder in der Provinz Da Nang und trotz unseres Deutsch sprechenden vietnamesischen Reiseführers haben wir Vietnam vor allem aus den Augen von Touristen kennen - und auch schätzen gelernt.

Insofern ist unser Bericht weniger eine Gesellschaftsbeschreibung oder gar -analyse als eben ein Reisebericht.

Unsere dortige Agentur hatte sich auch viel Mühe gegeben, uns die touristischen Highlights und dazu recht luxuriöse Reisebedingungen zu bieten. Im Folgenden wollen wir einige Reiseeindrücke vermitteln.

Vom Bus aus, der uns vom Flughafen Hanoi-Noi Bai zu unserem Hotel mitten in der Altstadt brachte, bestaunten wir das erste vietnamesische "Wunder": den Straßenverkehr. Ein unvorstellbarer Strom von Kleinkrafträdern japanischer Fabrikate (100 bis 125 ccm, 4-Takt Motoren, alle ziemlich neu, also relativ leise und abgasarm) ergießt sich ununterbrochen durch die Gassen und Straßen und überflutet sogar die Bürgersteige, Märkte und Läden. Ihre Lenker - Männer und Frauen in gleicher Zahl - fahren in cm-Abständen neben-, vor- und hintereinander, unentwegt hupend und fast ohne jedes System und dennoch: Alles ist immer im Fluß und jeder paßt auf und nimmt Rücksicht. Anfangs hielten wir es für unmöglich, als Fußgänger überhaupt lebend eine große Straße zu überqueren. Es hat geklappt! Es gibt wenig Pkws, keine Straßen- oder U-Bahn in dieser 3 Millionen-Stadt, nur ein langsam entstehendes Busnetz. Dafür wird auf diesen soliden "Mopeds" dann auch alles transportiert, was bei uns Taxis, Pkws oder gar Lkws übernehmen: Bis zu 5 Personen auf einem Motorrad, vier lebende Schweine, riesige Körbe mit Dutzenden Hühnern, mehrere Fahrräder, sogar Stahlträger werden auf diesen Allzweck-Fahrzeugen transportiert. Fahrräder, das häufigste Schülertransportmittel und Rikschas (Cyclos) - für Spezialtransporte oder Touristen-Sightseeing-Touren sind von den Kleinmotorrädern längst fast ganz verdrängt.

Unter Willy's Führung (so wollte unser vietnamesischer Reiseleiter genannt werden) und teils auch auf eigene Faust, haben wir dann Hanoi langsam erobert, allem voran die Altstadt mit den bunten und reichhaltigen Märkten, die Hunderte von Läden entlang den Straßen und Gassen, und den Hoan Kiem See, das Herz der Stadt.

Abends, beim Besuch des Wassermarionettentheaters und am nächsten Tag im Ho Chi Minh-Mausoleum, im Ho Chi Minh-Museum und Pfahlbauwohnhaus, im Präsidentenpalast und Literaturtempel waren wir dann immer unter Hunderten wenn nicht gar Tausenden von Touristen. Für uns Langnasen aus dem fernen Europa war dabei schwer zu erkennen, wer von den Asiaten aus dem Land stammte und wer aus Laos, Thailand, China, Taiwan oder Singapur gekommen war. Wir hatten nicht erwartet, daß wir Europäer in Vietnam eine Minderheit unter den Touristen sein würden.

Natürlich haben wir uns angesichts des Massenverkehrs immer wieder die Frage gestellt: Was wird sein, wenn all diese Menschen später einmal mit Autos unterwegs sein werden? Für die jetzige Infrastruktur einfach unvorstellbar.

Anläßlich der Besuche in mehreren Tempeln und Pagoden wurde uns eine weitere Besonderheit Vietnams klar: Dank seiner eigenen ursprünglichen Kultur, durch die Einflüsse Chinas, der indischen Kultur und der Bergvölker, aber auch der Kolonialherren ist Vietnam zu einem Schmelztiegel der Kulturen und Religionen geworden. Buddhismus, Konfuzianismus, Taoismus (Laotse), Christentum, Hinduismus, Islam und sogar Animismus und ein ausgeprägter Ahnenkult existieren heute großenteils friedlich nebeneinander. Da verwundert es kaum, daß selbst der religionskritische Kommunist und Held des vietnamesischen Freiheitskampfes, Ho Chi Minh eine fast religiöse Verehrung genießt.

Nach dem stressigen Großstadttrubel in der Hauptstadt waren die anschließenden Tage in der Ha-Long-Bucht (Weltkulturerbe) ein Balsam für Auge, Ohr und Seele. In einer weiten Meeresbucht entlang der Küste Richtung China ragen dort etwa 2000 Kalksteininseln malerisch und fotogen aus den Wellen. Die Legende berichtet von einem weiblichen Drachen und ihren Kindern, die vom Jadekaiser ausgesandt wurden um eine feindliche Invasion zu verhindern. Dabei spuckten diese Drachen eine große Menge Perlen aus, die als Felsen den Feinden den Weg versperrten.

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Unser vietnamesischer Guide Willy (mit weißem Hut) in Aktion: erklären, erklären

Die wunderbaren Mahlzeiten mit reichlich Meeresfrüchten aller Art im vornehmen Salon unseres Hotelschiffes, das entspannende Sonnenanbeten an Deck, während das Holzboot friedlich und sanft durch die Inseln tuckerte, der Besuch einer eindrucksvollen Höhle und die Badepausen im warmen Meerwasser brachten besonders den Berufstätigen unserer Gruppe ein echtes Gefühl von Urlaubserholung.

Aber nun ging es mit dem Bus an Haiphong vorbei auf der Nationalstraße N1 in Richtung Süden. In Ninh Binh wurden wir beim Besuch der Königstempel aus der Dinh- und Le Dynastie und bei der landschaftlich wunderschönen Fahrt in kleinen Ruderbooten durch die Tam Coc Gewässer zum ersten Mal mit der ganzen Wucht der Souvenir-Verkäufer konfrontiert: Ansichtskarten, Hüte, T-Shirts, Stickereien und immer wieder kalte Getränke wurden uns von längsseits heranfahrenden Booten aus pausenlos angeboten und die Ruderer (fast ausnahmslos Frauen) wollten natürlich auch noch ein extra Bakschisch. Mit leichter Hand trennten wir uns sogar von Hunderttausender-Scheinen, denn diese 100.000 Dong haben einen Wert von gerade mal etwa 5 .

Nachmittags ging's durch eine wunderschöne und fruchtbare Berglandschaft mit ausgedehnten Ananas- und Maniok-feldern zum Nationalpark und Menschenaffen-Schutzzentrum von Cuc Phong. Zum ersten Mal übernachteten wir unter Moskitonetzen, eine von uns wurde trotzdem von Mücken ganz schön zugerichtet.

Ein Frühmorgenspaziergang mit einem vietnamesischen Botaniker, eine kleine Wanderung zu einem Jahrhunderte alten Riesenbaum und ein Besuch beim deutschen Leiter des Menschenaffen - Schutzzentrums standen auf unserem Programm.

Abends saßen wir wie immer gemütlich zusammen, bei Tiger-Bier, Dalatwein und etwas seltsamen Reisschnäpsen mit Mandel- und Hirschgeweih-Geschmack.

Auf der Rückfahrt nach Ninh Binh wurden wir bei Van Long noch einmal in flachen Sampans durch eine ruhige, vogelreiche (Ibisse, Eisvögel, Reiher) Flußlandschaft geschaukelt und machten beim Abendessen erste Bekanntschaft mit einer weiteren Leidenschaft der Vietnamesen: dem Karaoke-Singen. Die niedlichen jungen Bedienungen sangen wunderschön; und wir kriegten nicht mal einen einzigen Schlager hin. Blamabel!

In den nächsten Tagen ging's weiter in den Süden. Wir besuchten Ho Chi Minh's Geburtshaus in einem abgelegenen Dorf bei Vinh und ein Soldatenfriedhof mit Ehrendenkmal in der ehemaligen entmilitarisierten Zone an jener künstlichen Grenze zwischen Nord- und Südvietnam nach dem Genfer Abkommen 1954.

Ein weiteres Weltkulturerbe, die Grotte von Phong Nha wurde besichtigt. Beim Abendessen war ein Vertreter unserer Reiseagentur bei uns zu Gast und wir sprachen über den Tourismus in Vietnam im Zusammenhang mit Naturschutzmaßnahmen.

In Hue, der alten Kaiserstadt, schipperten wir in einem geräumigen "Waren-Verkaufs-Boot" den Fluß der Wohl-gerüche hinauf zur Thien Pu Pagode und zum Mausoleum des Kaisers Minh Mang. Nachmittags besichtigten wir die berühmte Zitadelle und die Kaiserstadt von Hue.

Abends wurden wir im vornehmen Hotel La Ville de Hue in feudale Kimonos gekleidet und ein Kaiserpaar wurde unter uns ausgelost. Kaiserin Kerstin und Kaiser Gerhard durften beim opulenten Mal mit Kerzenlicht und authentisch vietnamesischen Gesangs- und Instrumentaldarbietungen auf einer extra Empore thronen.

Auf dem Weg nach Hoi An passierten wir mit dem etwa 1000 m hohen Wolkenpaß, einer Wetterscheide zwischen dem Norden und dem Süden des Landes, den höchsten Punkt unserer Reise. Im Dorf der Steinmetze Non Luoc hämmerte und klopfte es aus jedem Haus und Hof. Vom 100 m hohen Thuy Son Hügel mit beeindruckenden Pagoden und Höhlen, in denen während des Krieges eine aus Frauen bestehende Guerilla-Einheit sich festgesetzt hatte und zahlreiche amerikanische Bomber abschoß, blickten wir hinunter auf das emsige Treiben der Dorfbewohner, die schon seit Jahrhunderten ihre handwerklichen Künste am weißen, grauen und rosafarbenen Marmor beweisen. Wieder einmal konnten einige unserer Souvenirjäger dem Riesenangebot nicht widerstehen, wenn auch die teils meterhohen Vasen, Drachen- und Buddha-Figuren wegen Transportschwierigkeiten zurück bleiben mußten.

Wer immer noch nicht genügend Souvenirs eingekauft hatte, konnte sich abends beim Besuch eines Textil- und Seidenladens und Schneiderateliers in der Altstadt von Hoi An einkleiden lassen. In über Nacht angefertigten Hemden, Jacken und Anzügen waren einige von uns kaum mehr zu erkennen.

Überhaupt fühlten wir uns in Hoi An mit seiner japanischen Brücke, den chinesischen Versammlungshallen, den Kaufmannshäusern, dem bunten und turbulenten Marktgeschehen und den vielen Cafes und Restaurants entlang des Thu Bon Flusses äußerst wohl. Dazu trug auch sicher das Pho Hoi Riverside Resort bei, ein wunderschönes Hotel mit Swimmingpool auf der anderen Seite des Flusses, in dem wir bestens untergebracht waren.

Beeindruckend war für uns auch die heilige Tempelanlage von My Son, aus der Cham-Kultur stammend, sozusagen ein kleines vietnamesisches Angkor Wat in einem von dicht bewaldeten Bergen umgebenen Tal etwa 40 km außerhalb von Hoi An. In Da Nang konnten wir einen Tag später bei einem kurzen Besuch des Cham-Museums unsere kunsthistorischen Interessen befriedigen.

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Die Leiterin des Rehazentrums mit Stuttgarter Eskorte - sie wollte nicht allein aufs Bild.

Vorher hatten wir jedoch den nicht einfachen kurzen Besuch in einem Reha-Zentrum für dioxingeschädigte Kinder zu verdauen. Für die von den Spätfolgen des amerikanischen Giftkrieges Betroffenen überreichten wir im Auftrag der Freundschaftsgesellschaft Süßigkeiten, Spielsachen, einen Koffer voller medizinischer Instrumente und eine Geldspende. Eine weitere Zusammenarbeit wurde vereinbart (Bericht und Spendenaufruf in diesem Heft).

An den vom letzten Taifun schwer beschädigten Außenvierteln von Da Nang vorbei brachte uns unser Bus zum Flugplatz und eine Stunde später landeten wir in der heimlichen Hauptstadt Vietnams, der 6 Millionen-Einwohner Metropole Ho Chi Minh Stadt.

Das frühere Saigon - so heißt heute das Stadtzentrum mit den großzügig ausgebauten Boulevards aus der französischen Kolonialzeit - strahlt weltstädtisches Flair aus.

Die anderthalb Tage dort waren natürlich zu kurz, um uns in diese Stadt einzuleben. Dennoch führte uns unsere Sightseeing-Tour zu den bekanntesten Sehenswürdigkeiten: Präsidentenpalast, Ben Than Markt im Chinesenviertel Cholon, Jadetempel, die katholische Notre Dame-Kathedrale, das alte Postamt und schließlich das Kriegs-Erinnerungs-Museum. In den 30 Jahren seines Bestehens sahen sich hier über 10 Millionen Besucher die Greuel des Krieges mit über 3 Millionen Toten auf vietnamesischer und etwa 58.000 gefallenen Soldaten auf amerikanischer Seite an. Die schrecklichen Bilder und Relikte machten uns auch noch einmal klar, wie brutal nicht nur die Kämpfe zwischen Amerikanern und Vietnamesen, sondern auch die Auseinandersetzungen zwischen Nord- und Südvietnam damals verliefen.

Kaum zu glauben, daß bereits 20 Jahre nach dem Krieg diplomatische Beziehungen zwischen der USA und dem wiedervereinigten Vietnam aufgenommen wurden und daß nun Anfang November 2006 Vietnam als 150. Mitglied in die WTO aufgenommen wurde - was ohne das Wohlwollen der USA nicht möglich wäre. Daß dies nicht bei allen Vietnamesen gleichermaßen begrüßt wurde, entnahmen wir dem deutschsprachigen Vietnam Kurier 2/2006 vom Oktober, den wir nach der Rückkehr von unserer Reise zu Hause vorfanden.

In den letzten Reisetagen in Vietnam lernten wir Teile des riesigen und ungeheuer fruchtbaren Mekong Deltas zu Lande und vor allem zu Wasser kennen. Lokale kulinarische Spezialitäten wie Elefantenohrenfische, aber auch lebende Tiere wie Pythonschlangen und unzählige Pflanzen und Obstsorten bestaunten wir in typischen Lokalen, Zuchtstätten sowie Bonsai- und Obstplantagen.

Im Muoi Day House von Vinh Long übernachteten wir unter Moskitonetzen auf Feldbetten in einem Pfahlbau-Sammelquartier, streng getrennt nach Frauen und Männern. Davor hatten uns Frauen und Männer aus der Umgebung einheimische Gesänge auf traditionellen Instrumenten zum Abendessen im Dämmerlicht vorgeführt. Eine genügende Dosis Tiger-Bier und Reisschnaps lullte uns trotz nächtlichem Getucker aller Bootsarten auf den Wasserarmen des Mekongs in den Schlaf.

Nach dem Besuch einer riesigen Ziegelei verabschiedeten wir uns am nächsten Tag von unserem vietnamesischen Reiseleiter Willy und stiegen in ein Schnellboot um, das dann nach etwa zwei Stunden in einer Qualmwolke den Geist aufgab. Nach dem Wechsel auf ein schnelleres Boot kamen wir erst in der Dunkelheit in der Grenzstadt Chau Doc am Fuß des heiligen San Bergs zur letzten Tempelbesichtigung und Übernachtung auf vietnamesischem Boden an.

Am nächsten Morgen überquerten wir nach einigen Grenzformalitäten auf einem Schnellboot die Grenze nach Kambodscha. Am Hafen der Hauptstadt Pnom Phen, angekommen, bestaunten wir erst einmal die großstädtischen Straßen und Bauten, besuchten Museen, Tempelanlagen und andere Sehenswürdigkeiten.

Erschüttert und betroffen waren wir nach dem Besuch des Völkermord-Museums von Toul Sleng, wo in einem ehemaligen Schulgebäude das Terror-Regime der Roten Khmer unter Pol Pot zwischen April 1975 und Januar 1979 etwa 20.000 Menschen auf barbarisch-sadistische Weise foltern und töten ließ. Selten ist Völkermord so buchhalterisch-pervers dokumentiert worden wie hier in diesem Folterzentrum "S-21". Die Toten wurden dann hinaus gebracht nach Choeung Ek - der Schädelstätte mit Zigtausenden Totenschädeln, die zusammen mit den so genannten Killing Fields als Sinnbild für die menschenverachtende Grausamkeit der Pol Pot Ära gilt.

Annähernd 2 Millionen einheimische und ausländische, "Feinde der Angkar" - so nannte sich das Regime -: Lehrer, Mediziner, Ingenieure, aber auch Bauern und Arbeiter - fast ein Drittel der Bevölkerung - ließ Pol Pot hinrichten, in Arbeitslagern krepieren. Viele flohen ins Ausland. Die Folgen dieses Massenmords sind heute noch spürbar, etwa am weltweit höchsten Anteil an Witwen und Waisen an der Bevölkerung. Und noch heute warten viele Opfer auf die Aufarbeitung dieser Schreckenszeit durch ein internationales Tribunal (siehe Schwerpunkt in diesem und den vorangegangenen Heften).

Die Besichtigung des Nationalmuseums und eine kleine Stadtrundfahrt sollten mit dem Besuch des riesigen Kaiserpalasts mit all den goldenen und farbenprächtigen Tempeln enden, der jedoch wegen einer Tagung "mit hohem Besuch" leider ins Wasser fiel.

Rund 5 Stunden dauerte am nächsten Tag die Busfahrt nach Siem Reap, der Stadt, an deren Rand das Tempelgebiet von Angkor Wat, wichtigstes Ziel, aller Touristenreisen in Kambodscha.

Siem Reap selbst ist ein ungeheuer prosperierendes Touristenzentrum, das unter dem Ansturm von Touristen aus aller Welt boomt. Kilometerlang reihen sich nagelneue Vier- und Fünfsternehotels im Tempel- oder Pagodenstil entlang der Ausfallstraßen; ständig neue schießen wie Pilze aus dem Boden. Aber der stille kleinstädtische Charakter ist in der Innenstadt noch zu spüren.

Wir waren froh um unser schnuckeliges familiäres Hotel mit schönem Swimmingpool, unsere Hütte für die letzten zwei Nächte unserer Reise durch Vietnam und Kambodscha.

Die letzten Tage verbrachten wir dann auf dem 45 qkm großen Gelände der Tempelanlagen von Angkor, dem ehemaligen Zentrum des Khmer-Reichs zwischen 800 und 1400 n. Ch., das erst 1860 von dem Franzosen Mouhet unter dem Grün und Wurzelwerk des Dschungels wieder entdeckt und ausgegraben wurde; heute natürlich ebenfalls Weltkulturerbe.

Vor allem unter dem größenwahnbesessenen König Jayavarman VII im 12. Jh., buddhistischer Erneuerer, Feldherr in vielen Eroberungszügen gegen das Champa - Reich, oberster Verwalter und Bauherr in einer Person, wurden die ungeheuer großen und kunstvollen Anlagen erweitert.

Laut Inschriften sollen damals über 300.000 Arbeiter in 13.500 Dörfern gewohnt und sich künstlerisch betätigt haben - aus lauter Verehrung und Bewunderung für den Gott-König - wie unser Führer meinte. So faszinierend und herrlich auch diese Steinmetzkunstwerke heute für die Besucher sein mögen - man brauchte viele Tage, um alle Einzelheiten auch nur annähernd zu betrachten - so drängt sich mir doch eher eine andere Vision auf: Tausende Menschen, die ameisenähnlich, endlose Reihen bildend, Erde bewegen, Steinquader schleppen, Mauern aneinander fügen, vielleicht auch unfreiwillig, gezwungen, ohne Ausweg - Mobilisierung eines ganzen Volkes für die narzißtische Gott-König-Kultur und die Ideologie einzelner Herrscher.

Ein Sonnenuntergang auf dem Bokheng-Tempelberg inmitten von fotografierenden Menschenmassen und eine Aspara-Tempeltanzvorführung mit großem Buffet waren die letzten Höhepunkte unserer Reise vor dem Rückflug nach Frankfurt.

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Zurückkommend auf die Ausgangsfragen unserer Vietnam Reise, lautet mein Fazit aus der Sicht eines interessierten Touristen:

Vietnam ist ein dynamisches, aufstrebendes Land mit freundlichen, fleißigen und ehrgeizigen Menschen, das vielleicht schon bald Anschluß an die asiatischen Tigerstaaten findet. Der Wirtschaft geht es trotz der chinesischen und indischen Konkurrenz mit einem jährlichen Wachstum von 6-7 % einigermaßen gut. Verhungern muß in diesem Land niemand. Daß wir im ganzen Land keine dicken Vietnamesen gesehen haben, ist wohl eher dem Menschentypus und der gesunden Ernährungsweise zuzuschreiben, als ein Zeichen von Armut.

Zu den größten Problemen zählt für Vietnam sicher die Aufgabe, den Widerspruch zwischen einer fast totalen Freigabe privatwirtschaftlicher Initiativen - vor allem durch ausländische Investoren - und einer trotzdem zentraler politischer Planung und Kontrolle und dem Festhalten an teilweise unrentablen Staatsunternehmen zu lösen, wenn er denn überhaupt lösbar ist.

Nach meiner Einschätzung wird Vietnam als frisch gebackenes Mitglied der WTO den "chinesischen" Weg gehen, weg von der sozialistischen Planwirtschaft und hin zu einer immer "freieren" Marktwirtschaft, die es ja bereits seit 20 Jahren mit der Einführung von "Doi Moi" gibt. Die damit verbundenen Probleme der Zunahme des Verkehrs, der Landverbauung und andere Umweltschädigungen, aber auch das Problem der Zunahme des sozialen Gefälles zwischen Arm und Reich werden auch vor Vietnam nicht halt machen.

Ansonsten aber ist Vietnam für interessierte Touristen ein äußerst interessantes, friedliches, freundliches und angenehmes Reiseland. Man sollte es sich ansehen, bevor es unter der Wucht des Massentourismus seinen eigenen Charakter und Charme verlieren könnte.

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November 2006, Manfred Schmitz. Photos: Jens Westermann